Kaum ein Ort in und um Berlin zeigt die vielschichtige deutsche Geschichte so deutlich wie der Bogensee. Gut 15 Kilometer nördlich von Berlin gelegen, bildete der Bogensee von 1936 bis 1945 die malerische Kulisse für Joseph Goebbels’ „Waldhof“ – auch bekannt als Villa Bogensee –, beherbergte von 1946 bis 1990 aber auch eine elitäre sozialistische Schule der DDR. Wir haben genauer hingeschaut, wie ausgerechnet dieser recht beschauliche See zum Wohnsitz eines der führenden Nationalsozialisten des Dritten Reichs wurde.
Eine kurze Geschichte des Bogensees und seiner Umgebung (1242–1827)
Kurz vorweg: Wenn vom Bogensee die Rede ist, meinen die meisten eigentlich das Areal in Wandlitz und nicht den kleinen See selbst – der Name des Sees ist längst zum Synonym für seine früheren Bewohner geworden.
Wandlitz, die dicht bewaldete Gemeinde nördlich von Berlin, hat eine lange und interessante Geschichte – die leider den Großteil dieses Artikels einnehmen würde. Wie viele Dörfer und Siedlungen der Gegend wurde Wandlitz um 1242 erstmals erwähnt, war aber schon Jahrzehnte zuvor besiedelt. Heute kennt man Wandlitz vor allem wegen seines DDR-Erbes, nämlich der Waldsiedlung Wandlitz – der luxuriösen Wohnsiedlung der politischen Elite der DDR.
Zu Wandlitz gehört, zumindest seit 1992, der Ortsteil Lanke – nicht ganz so alt wie Wandlitz, aber mindestens seit 1315 belegt. Wie praktisch alle Siedlungen und Dörfer in Brandenburg war auch Lanke in den Händen von Adligen, die das Land über die Jahrhunderte unzählige Male verkauften und tauschten.
1827 kauften die von Redern – ein Adelsgeschlecht, dessen Wurzeln in Schlesien und der Mark mindestens bis 1155 zurückreichen – Lanke samt Ländereien einschließlich des Bogensees. Das Gut Lanke war (und ist) ein dicht bewaldetes Gebiet (vor allem Birken und Kiefern) mit zahlreichen Seen, darunter der beliebte Liepnitzsee als größter und der Bogensee als kleinster und abgelegenster.
Ein neuer Besitzer für den Bogensee (1913)
Um die Jahrhundertwende war Graf Wilhelm von Redern „Besitzer“ des Guts Lanke. Zunächst als Regierungsassessor in Tilsit (heute Sowetsk) und Breslau (heute Wrocław) tätig, wurde er später Landrat in Ostpreußen und in der Weimarer Republik Mitglied des Reichsrats für Waldeck-Pyrmont. Nachdem er in ernste finanzielle Schwierigkeiten geraten war, musste von Redern 1913 seine Ländereien verkaufen – auch die rund um den Bogensee. Der Magistrat von Berlin griff gern zu, zahlte angeblich 20 Millionen Reichsmark für die rund 5.000 Hektar und bewirtschaftete das Gut weiter, um die stetig wachsende Bevölkerung zu versorgen.
Joseph Goebbels: Von Rheydt nach Berlin (1897–1926)
Geboren und aufgewachsen in Rheydt (heute Teil von Mönchengladbach), wuchs Joseph Goebbels in einem großen, eher kleinbürgerlichen Haushalt auf. Nachdem er zu Beginn des Ersten Weltkriegs (wegen seines durch eine Kinderkrankheit verkrüppelten Fußes) nicht ins Heer aufgenommen worden war, studierte er Geschichte, Germanistik und klassische Philologie und wurde 1921 an der Universität Heidelberg in Germanistik promoviert.
In den folgenden Jahren versuchte Goebbels erfolglos, als Schriftsteller oder Journalist Fuß zu fassen, knüpfte aber enge Kontakte zu mehreren Figuren der rechten Szene, insbesondere der Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung – einer „verdeckten“ Neuauflage der NSDAP, die nach Hitlers gescheitertem Putsch 1923 verboten worden war.
1924 gründete Goebbels eine Ortsgruppe der Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung in Mönchengladbach, stieg mit der Neugründung der NSDAP 1925 rasch auf und wurde ein führendes Parteimitglied im Gau Rheinland-Nord. Von Hitler war Goebbels anfangs wegen erheblicher ideologischer Differenzen nicht sonderlich angetan, bei ihrem ersten persönlichen Treffen im November 1925 aber von seiner Persönlichkeit hingerissen.
Dieser erste Eindruck änderte sich jedoch, als Goebbels gemeinsam mit Gregor Strasser (einem der ganz frühen NSDAP-Mitglieder und späteren ersten Reichspropagandaleiter Hitlers) am 14. Februar 1926 zu einer „Führertagung“ nach Bamberg eingeladen wurde. Das Treffen verlief völlig anders, als Goebbels erwartet hatte, machte die ideologischen Differenzen noch deutlicher und ließ ihn zerrissen zurück – er notierte, es sei „wohl eine der größten Enttäuschungen meines Lebens“ gewesen.
Hitler, der große Redner, wusste Goebbels wieder einzufangen und tat genau das, als er ihn im April 1926 nach München einlud. Das Treffen war ein voller Erfolg, und Goebbels stand fortan ganz hinter Hitlers Vision. Im Oktober desselben Jahres machte Hitler ihn zum Gauleiter von Berlin-Brandenburg, im Gespür, dass er dort am nützlichsten sein würde, um die eher kleine Parteipräsenz zu stärken (die NSDAP hatte in Berlin damals nur 500 Mitglieder).
Schöneberg, Westend, Mitte und Wannsee (1926–1945)
Goebbels’ Wohnung in Schöneberg
Goebbels kam am 7. November 1926 in Berlin an, einer Stadt, die er stets verabscheut hatte. Er wohnte zur Untermiete bei einem wohlhabenden Ehepaar namens Steiger (die Adresse ist mir derzeit leider nicht bekannt), das vom „asketischen“ Goebbels zunächst angetan war, ihn aber bald vor die Tür setzte, als er ihr Dienstmädchen schwängerte.

Goebbels fand eine neue Wohnung im bürgerlichen Schöneberg, in der Fregestraße 76, wo er mehrere Jahre blieb. Ein anderer hochrangiger Nationalsozialist hatte übrigens nur ein paar Hausnummern weiter gewohnt – Hermann Göring. Görings Pate Hermann Epenstein besaß das Haus Fregestraße 19, in dem Göring im Alter von drei bis fünf Jahren lebte. Jahre später besuchte Göring seinen NS-Kumpan Goebbels, der nun in derselben Straße wohnte.

Goebbels’ Wohnung in Berlin-Westend
1930 lernte Goebbels Magda Quandt (geb. Ritschel) kennen, die zuvor mit dem äußerst wohlhabenden Industriellen Günther Quandt verheiratet gewesen war. Nach der Scheidung 1929 hatte sie ihrem Ex-Mann (angeblich) eine riesige Summe abgepresst und sich eine sehr großzügige Wohnung am Reichskanzlerplatz 3 im noblen Westend gekauft (1933 in Adolf-Hitler-Platz umbenannt, 1947 wieder in Reichskanzlerplatz und 1963 schließlich in Theodor-Heuss-Platz).
Goebbels und Magda heirateten am 19. Dezember 1931, und ihre luxuriöse Wohnung wurde bald zum Treffpunkt der Reichen und Berühmten – Hitler eingeschlossen.

Goebbels’ Dienstwohnung in Berlin-Mitte
Mit der Machtergreifung stand Goebbels eine repräsentative Dienst-„Wohnung“ zu – die sich als riesige Villa in der Hermann-Göring-Straße 20 entpuppte (1947 in Ebertstraße umbenannt). Albert Speer baute die Villa um, darunter wurde ein Bunker angelegt. Im Krieg schwer beschädigt, wurde die Villa nach dem Krieg abgerissen. 1998 begann an ihrer Stelle der Bau des Denkmals für die ermordeten Juden Europas; in der ersten Bauphase stieß man auf Reste von Goebbels’ Bunker. Außer Wasser, verrosteter Munition und anderem Schutt fand man darin nichts von Wert. Der Bunker wurde versiegelt und das Denkmal darüber errichtet.

Goebbels’ Villa auf Schwanenwerder
1934, mit den Nationalsozialisten fest an der Macht und reichlich Geld in der Tasche, kaufte sich Goebbels ein exklusives Seegrundstück auf der Wannsee-Insel Schwanenwerder. Genau genommen besaß er zwei Grundstücke – Inselstraße 8 und Inselstraße 10. Auf dem ersten waren SS-Leute stationiert und standen Goebbels’ zahlreiche Autos, auf dem zweiten stand die eigentliche Villa. Schwanenwerder war bei hochrangigen Nationalsozialisten beliebt: Ernst Udet, Theo Morell (Hitlers Leibarzt) und Albert Speer besaßen hier Grundstücke. Die Reichskanzlei soll sogar ein Grundstück für Hitler auf der Insel erworben haben.

Nach dem Krieg wurden viele der ehemals von Nationalsozialisten „besessenen“ Grundstücke an ihre früheren Eigentümer zurückgegeben. Goebbels’ Villa auf Schwanenwerder wurde schließlich abgerissen und durch einen Neubau des Aspen Institute ersetzt (das 2007 auszog). Das SS-Personalgebäude nutzte die Wasserschutzpolizei, nach deren Auszug wurde es 2008 abgerissen.
Goebbels’ Blockhaus am Bogensee (1936–1938)
1936 hatten Joseph und Magda Goebbels bereits drei Kinder, und das Paar inszenierte sich als perfekte arische Familie. Obwohl er bereits seine geräumige Dienstvilla in Berlin-Mitte und die Villa auf Schwanenwerder hatte, wollte Goebbels etwas Abgeschiedeneres für sich. 1936 feierte er sein zehnjähriges Jubiläum als Gauleiter von Groß-Berlin – das zugleich auf seinen 39. Geburtstag fiel –, und die NSDAP hielt es für angebracht, ihm ein üppiges Geschenk zu machen: ein abgelegenes Blockhaus am Bogensee in Wandlitz.
Die NSDAP und die Stadt Berlin übernahmen großzügig die Rechnung für das Geburtstagsgeschenk. Allein der Bau des Blockhauses kostete 70.000 Reichsmark (rund 301.000 €) – nicht eingerechnet die prächtige Einrichtung, die 200 Hektar Land und die horrenden Kosten für Bau und Unterhalt neuer Wasser- und Stromleitungen.

Das Blockhaus selbst basierte auf einem Entwurf des Architekten Fritz August Breuhaus, den dieser 1935 auf der Bauausstellung „Deutsches Volk – Deutsche Arbeit“ in Berlin vorgestellt hatte. Goebbels gefiel der Entwurf offenbar so gut, dass er sich ein Jahr später daran erinnerte und ihn für seine Blockhütte am Bogensee verwendete.
Während die Propagandablätter das großzügige Geschenk damals feierten, sah die Wahrheit – wie zu erwarten – ganz anders aus. Tatsächlich hatte Goebbels einen privaten Rückzugsort verlangt, die Berliner NSDAP lieferte und verkaufte das Ganze als Ehrung zum Jubiläum ihres gnädigen Führers. Ein weiteres hartnäckiges Gerücht besagt, Goebbels sei Eigentümer des Grundstücks geworden – tatsächlich erhielt er nur das lebenslange Nutzungsrecht an Haus und Land. Alle Eigentumsrechte (einschließlich des gestellten Inventars) behielt die Stadt Berlin.
Obwohl er sich und seine Familie als Vorbildfamilie NS-Deutschlands inszenierte, war Goebbels alles andere als ein treuer Ehemann. Seit den frühen 1930er-Jahren war bekannt, dass er seine Frau betrog und zahlreiche Affären mit jungen Schauspielerinnen hatte, die um Rollen in der deutschen Filmindustrie buhlten – ein abgeschiedenes Liebesnest am Bogensee, fern der Familie, war die perfekte Lösung. Bekannt ist vor allem seine lange Affäre mit der tschechischen Schauspielerin Lída Baarová, die er erst 1938 beendete, nachdem Magda mit Scheidung gedroht und Hitler persönlich eingegriffen hatte.
Die Villa Bogensee (1939)
Goebbels nutzte das Blockhaus nicht nur für seine Affären, sondern empfing dort auch andere Politiker und Prominente (ähnlich wie sein Parteigenosse Hermann Göring auf seinem weitaus prunkvolleren Landsitz Carinhall). Bald merkte er, dass die Blockhütte nicht repräsentativ genug war, und ließ ein neues Domizil bauen.
1939 plante Goebbels sein neues Haus am gegenüberliegenden Ende des Bogensees. Ursprünglich wollte er sein Grundstück auf über 850 Hektar erweitern, doch die Kreisbehörde verweigerte die Baugenehmigung, da der Wald bei der „Schenkung“ 1936 unter Naturschutz gestellt worden war. Den Bau hielt das zwar nicht auf – Goebbels’ Bautrupp fing einfach ohne Genehmigung an –, Goebbels musste aber seinen NS-Kumpan Göring als Vermittler einschalten.

Göring war nicht nur Oberbefehlshaber der Luftwaffe, sondern auch Reichsforstmeister und damit zuständig für Forstwirtschaft, Jagd, Holzwirtschaft und Naturschutz. Die Grundstücksgröße wurde auf 210 Hektar reduziert und einige weitere kleinere Zugeständnisse gemacht – so bekam die ganze Angelegenheit einen Anstrich von Legalität.
Der Bau des Waldhofs am Bogensee (1939–1940)
Mit dem Bau des Waldhofs am Bogensee wurden die Architekten Hugo Constantin Bartels und Jürgen Schweitzer beauftragt. Bartels war zwar SPD-Mitglied, arbeitete aber weiter als Architekt und entwarf 1937 sogar die Zentrale der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt in Berlin. Beide hatten viel Erfahrung mit Landhäusern und Villen – viele davon in den wohlhabenderen Vororten Berlins –, was sie für Goebbels zur passenden Wahl machte.



Goebbels wollte ein Landhaus im „Heimatschutzstil“ – im Grunde das Gegenstück zur Bauhaus-Philosophie und von den Nationalsozialisten massiv propagiert. Wer sich dafür interessiert: Wir gehen in unserem Beitrag über das „NS-Erbe des Grazer Damms“ näher darauf ein. Kurz gesagt zielte der Heimatschutzstil auf einen Historismus mit traditionellen, regionaltypischen Formen und örtlichen Materialien (also Backstein im Norden Deutschlands, Holz im Alpenraum).




Hatte der Staat noch Goebbels’ Blockhütte finanziert, sprang beim Waldhof die Universum Film AG (das wichtigste deutsche Filmunternehmen) ein und übernahm die Rechnung über 2,7 Millionen Reichsmark (rund 11,6 Millionen €). Als der Waldhof am Bogensee Anfang 1940 fertig war, besaß Goebbels ein weitläufiges Anwesen: Neben dem „Waldhof“ mit über 30 Räumen, darunter ein Kino, gab es mehrere Wirtschaftsgebäude, Garagen und Gästehäuser.


Links: Die „Große Halle“ in Hitlers Berghof, 1936 | Bundesarchiv, Bild 146-1991-077-31 / CC-BY-SA 3.0. Rechts: Die Eingangshalle von Goebbels’ „Waldhof“
Auch wenn sich Goebbels’ Waldhof äußerlich an einem konservativen, „altmodischen“ Stil orientierte, steckte er voller modernster Technik. Über 60 Telefone wurden installiert, und der Salon zum Bogensee hin erhielt raumhohe Fenster, die sich per Knopfdruck vollständig im Boden versenken ließen. Technischer Luxus vom Feinsten – doch Goebbels war nicht der erste hochrangige Nationalsozialist mit dieser Technik, sondern Adolf Hitler.




Goebbels ließ sich stark von Hitlers Ästhetik inspirieren, insbesondere vom Berghof auf dem Obersalzberg – angefangen beim Namen. Hieß das Projekt anfangs noch „Haus am Bogensee“, lautete der offizielle Name bei Fertigstellung Waldhof am Bogensee, in riesigen gotischen Lettern über dem Eingang. Ganz offensichtlich wollte Goebbels mit der Namensgebung eine ideologische und hierarchische Verbindung herstellen. Auch das Innere, vor allem die Haupthalle, orientierte sich an der Ästhetik des Berghofs.



Der Name „Villa Bogensee“ ist eine verbreitete, irgendwie hängengebliebene Fehlbezeichnung: Kaum jemand spricht heute vom „Waldhof“, aber jeder kennt Goebbels’ ehemaligen Wohnsitz als Villa Bogensee.
Von der Villa Bogensee in den Führerbunker (1940–1945)
Goebbels verbrachte immer mehr Zeit im Waldhof, empfing Gäste, veranstaltete Filmvorführungen und feilte an der NS-Propaganda für die Massen. Während eines Aufenthalts in der Villa Bogensee Anfang 1943 schrieb Goebbels seinen folgenreichen Aufsatz „Der totale Krieg“, aus dem vier Wochen später seine berüchtigte Rede im Berliner Sportpalast hervorging.
Mit den zunehmenden alliierten Luftangriffen auf Berlin und seinem Haus samt Familie auf Schwanenwerder in Gefahr, schickte Goebbels Magda und die (inzwischen) sechs Kinder im August 1943 in den Waldhof. Die schulpflichtigen Kinder gingen im nahen Wandlitz zur Schule, und die Familie lebte in den schönen Wäldern Brandenburgs eine Art „Scheinidylle“ – eine friedliche Parallelwelt. Der Gedanke an einen Luftangriff ließ Goebbels offenbar dennoch nicht los: 1944 kam ein Bunker zum Anwesen hinzu.

Das Blatt wendete sich schnell, und NS-Deutschland brach rasch zusammen. Kein Gerede vom „Endsieg“ konnte daran etwas ändern. Am 1. Februar 1945 wurde Berlin zur „Festung“ erklärt – und damit das Schicksal der Stadt und ihrer Bewohner besiegelt. Goebbels war fest entschlossen, mit dem sinkenden Schiff unterzugehen, und zwar mit allen an Bord. Am 22. April 1945 zog die Familie Goebbels in den Führerbunker – und anders als Görings Carinhall, das von seinen eigenen Truppen geräumt und gesprengt wurde, damit es nicht in Feindeshand fiel, blieb der Waldhof alias Villa Bogensee nach dem Auszug der Familie völlig unversehrt.
Obwohl Hitler ihn am 28. April 1945 bat, aus Berlin zu fliehen, wollte Goebbels an seiner Seite bleiben. Gemäß Hitlers Testament wurde Goebbels am 30. April 1945 zu dessen Nachfolger als Reichskanzler bestimmt. Am 1. Mai versuchte Goebbels erfolglos, mit den Sowjets einen Waffenstillstand auszuhandeln; diese lehnten ab und verlangten die bedingungslose Kapitulation. Daraufhin ermordeten Goebbels und seine Frau noch am selben Tag ihre Kinder und nahmen sich das Leben.
Die Sowjets fanden ihre teilweise verbrannten Leichen vor dem Führerbunker und begruben sie später an einem unbekannten Ort in Brandenburg. Auf Anordnung von KGB-Chef Juri Andropow wurden die Überreste exhumiert, verbrannt und die Asche bei Biederitz in Sachsen-Anhalt in die Ehle gestreut.
Von der Nazi-Villa zur Schule für die sozialistische Elite (1945–1990)
Die Rote Armee „eroberte“ den Waldhof mehr oder weniger unversehrt und voll möbliert und nutzte ihn als Lazarett. Schon 1946 übergaben die Sowjets das Gebäude an den „Zentralen Jugendausschuss“ – eine von der Sowjetischen Militäradministration gegründete antifaschistische Jugendorganisation und im Grunde die Vorläuferin der Freien Deutschen Jugend.

Mit dem Segen Moskaus wurde die Freie Deutsche Jugend am 7. März 1946 offiziell gegründet, übernahm sofort den Waldhof und machte daraus die „Zentraljugendschule“ – eine politische Schule zur Heranbildung einer neuen Generation sozialistischer Kader. Die Nebengebäude wurden zu Wohnungen für das Personal, einem Laden und einem Kindergarten umgebaut.

Die Zentraljugendschule am Bogensee war nicht nur groß genug für große Klassen, sie war auch noch komplett mit Goebbels’ Möbeln eingerichtet, einschließlich des riesigen Globus aus seinem Arbeitszimmer. Nicht nur die Möbel blieben: Auch der Schriftzug „Waldhof am Bogensee“ über dem Eingang wurde erst 1950 ersetzt, als die Schule in „Jugendhochschule Wilhelm Pieck. Zentralschule der F.D.J.“ umbenannt wurde (nach dem ersten und einzigen Präsidenten der DDR, Wilhelm Pieck).

1951 beschloss die DDR, das Gelände massiv zu erweitern, und begann mit dem Bau eines gigantischen Campus mit zentralem Schulgebäude, einem Internat (für über 500 Schüler) und einem „Kulturhaus“ – alles im vielgepriesenen Stil der stalinistischen Architektur (vom selben Architekten, der auch die neue Stalinallee in Berlin entwarf). Die ehemalige FDJ-Jugendhochschule am Bogensee verdient einen eigenen Artikel und wird in einem späteren Beitrag ausführlich behandelt.
Die Jugendhochschule wurde zu einem wichtigen politischen und pädagogischen Instrument der DDR und war der Stolz der politischen Elite, da sie Hunderte internationale Studenten aus sozialistischen wie kapitalistischen Ländern anzog. 1980 wurde das Gelände erneut erweitert, und der Waldhof – als Lehrgebäude nicht mehr gebraucht – zu einem Restaurant umgebaut. Der Schriftzug über dem Eingang wurde ein weiteres Mal entfernt und durch die Lettern „Bogensee“ ersetzt, die man noch heute sieht. Zur gleichen Zeit kam auch die Statue des nackten Paares vor der Villa Bogensee hinzu – sie ist also ein DDR-Relikt und kein Überbleibsel der Nationalsozialisten.
Die Villa Bogensee nach der Wiedervereinigung (1990–2007)
Mit der Wiedervereinigung wurde die FDJ-Jugendhochschule am Bogensee geschlossen und in die Hände der berüchtigten Treuhandanstalt gegeben – der Behörde, die alle volkseigenen Betriebe der DDR privatisieren sollte. Ehemalige Mitarbeiter richteten zunächst ein Bildungs- und Tourismuszentrum ein, bis der Internationale Bund – eine parteipolitisch neutrale Jugendbildungsorganisation – einzog, um junge Menschen für soziale Berufe auszubilden, und eines der Gebäude als Hotel nutzte.
Das Hauptgebäude wurde über die Jahre für verschiedenste Zwecke genutzt – allesamt ein riesiges Verlustgeschäft für das Land Berlin. Bis 1999 wurde praktisch jeder Betrieb eingestellt, auch wenn die Berliner Polizei das Hauptgebäude offenbar noch bis 2005 für eine jährliche Tagung nutzte. Der Waldhof wurde nach 1991 offenbar gar nicht mehr genutzt – abgesehen von Dreharbeiten für den (seltsam beliebten) „Tatort“.
Und Goebbels’ Blockhütte am anderen Ende des Bogensees? Auch sie nutzte die Jugendhochschule, wofür genau, ist allerdings unklar. Ab 1995 bewohnte sie der örtliche Förster – etwa zwölf Jahre lang.
Der Berliner Senat hatte null Interesse an Goebbels’ Waldhof oder der Blockhütte und hatte bereits Pläne angeschoben, zumindest eines der Gebäude abzureißen. Waldhof und Jugendhochschule standen seit 1996 unter Denkmalschutz, die Blockhütte jedoch nicht. Nachdem der Förster 2007 ausgezogen war, begann er – zumindest laut Medienberichten – das Gebäude nach und nach abzubauen. Als der Denkmalschutz davon Wind bekam, stoppte er das Ganze und stellte auch die Hütte unter Schutz.
Villa Bogensee: Ein kurzer Video-Rundgang
Wie üblich haben wir ein sehr kurzes Video von unserem Besuch am Waldhof am Bogensee gemacht, um einen Eindruck vom aktuellen Zustand des Geländes zu vermitteln. Über ein Like oder einen Kommentar unter dem Video freuen wir uns.
Die Villa Bogensee heute (2022)
2008 wurde das gesamte Gelände einschließlich der Villa Bogensee zum Verkauf angeboten – die angeblich 250.000 € jährlichen Unterhaltskosten und das fehlende Konzept wurden für den Berliner Senat, der schon mit dem Betrieb der Hauptstadt genug zu tun hatte, zu viel. Über die Jahre gab es mehrere Angebote, die aber allesamt scheiterten, weil sie die Entwicklungsauflagen der Stadt nicht erfüllten (und die Stadt peinlich darauf achtete, nicht an verkappte Neonazis zu verkaufen, die daraus eine Art Wallfahrtsort machen würden).
2015 wurde das Angebot zurückgezogen – die Stadt wollte offenbar eine gewisse Kontrolle über das historisch heikle Gelände behalten und suchte nun eher einen langfristigen Mieter oder Projektentwickler.
Goebbels’ Blockhütte, seit 2007 denkmalgeschützt, wurde 2015 Opfer eines Brandanschlags und so schwer beschädigt, dass sie 2019 abgerissen werden musste. Ein Gebäude weniger, um das sich die Stadt kümmern muss.




2020 meldete eine Stiftung namens LKC Bogensee ernsthaftes Interesse an und reichte einen Vorschlag ein. Als die Medien genauer hinschauten, stellte sich heraus, dass eines der führenden Mitglieder auch zur Bewegung „Königreich Deutschland“ gehört. Die Gruppe stellt eigene Ausweise und Dokumente aus und sieht sich – bei aller Anerkennung des deutschen Staates – als Teil eines Königreichs Deutschland (das KRD hat viele Gemeinsamkeiten mit der Reichsbürgerbewegung und den Sovereign Citizens in den USA). Die Gespräche wurden abgebrochen, nachdem kein tragfähiges Finanzierungsmodell vorgelegt wurde.
Im September 2022 scheint die Jugendhochschule umfassend saniert zu werden: Viele Gebäude sind eingerüstet, und das gesamte Gelände ist eingezäunt.
Goebbels’ Waldhof und die Nebengebäude sind zwar verschlossen, von außen aber frei zugänglich. Den Umständen entsprechend ist der Waldhof noch in relativ gutem Zustand – einzig ein kleines kaputtes Fenster in der Eingangstür ist als Schaden zu sehen. Die meisten Fenster sind mit Läden verschlossen, durch den Eingang und ins Wohnzimmer mit den versenkbaren Fenstern kann man aber noch hineinspähen. Nichts von der sichtbaren Einrichtung scheint original zu sein; sie stammt höchstwahrscheinlich aus dem Restaurant-Umbau der 1980er-Jahre.

Einige Wirtschaftsgebäude wurden zu einer Waldschule umgebaut, die Kinder der Natur näherbringen und ihre persönlichen und sozialen Kompetenzen stärken soll – man sieht deutlich, dass sie gut in Schuss gehalten werden. Andere angrenzende Gebäude sind weniger gut dran, scheinen aber Ergänzungen nach 1945 zu sein.
Waldhof und Jugendhochschule sind echte Besuchermagneten – an jedem beliebigen Tag laufen Dutzende Besucher über das Gelände, was bemerkenswert ist, da es mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht leicht zu erreichen ist. Ganz klar zieht die Villa Bogensee die Leute gerade wegen ihrer NS-Geschichte an. Fast alle, die ich dort traf und mit denen ich sprach, wussten genau, wer hier gewohnt hatte, und waren neugierig auf die Geschichte – und leider ist auch offensichtlich, dass Neonazis die Gegend frequentieren; bei meinem letzten Besuch bin ich selbst einigen begegnet.
Es ist schade, dass die Stadt Berlin kein sinnvolles Konzept für dieses Gelände entwickeln kann oder will (man denke an das Haus der Wannsee-Konferenz). Es zeigt, dass Berlin bei aller ehrlichen Reue und „Reife“ im Umgang mit der Vergangenheit genau das immer noch nicht schafft. Statt die unbequeme Geschichte unter den sprichwörtlichen Teppich zu kehren oder einen bequemen Brandanschlag die Sache erledigen zu lassen, täte die Stadt gut daran, mehr als Lippenbekenntnisse zu liefern, um unsere gemeinsame historische Verantwortung zu vermitteln und zu bewahren.
Villa Bogensee, Selenskyj und russische Propaganda (2023)
Im Dezember 2023 startete eine russische Desinformationskampagne mit einem gefälschten Kaufvertrag, laut dem der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj Joseph Goebbels’ Villa bei Berlin gekauft haben soll. Verbreitet wurde die Geschichte zunächst über ein YouTube-Video einer Frau namens „Sabine Mels“, die sich als Antifa-Aktivistin ausgab und behauptete, bei der Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) gearbeitet zu haben – der landeseigenen Gesellschaft, die das Grundstück angeblich verkauft hatte. Der gefälschte Vertrag mit einem Kaufpreis von 8,2 Millionen Euro wurde auch in sozialen Netzwerken geteilt. Recherchen ergaben jedoch, dass das Dokument komplett erfunden war und zahlreiche Ungereimtheiten enthielt; die angebliche Notarin, Dr. Friederike Schulenburg, war seit über zehn Jahren nicht mehr als Notarin tätig.
Ziel der Kampagne war es, Präsident Selenskyj als reichen Mann darzustellen, der in aller Welt fiktive Luxusimmobilien kauft. Solche Vorwürfe wurden schon früher genutzt, um Zweifel an der internationalen Hilfe für die Ukraine zu säen. Der erfundene Kauf der Goebbels-Villa passt in Russlands fortlaufendes Propagandanarrativ, die ukrainische Führung als Nazis darzustellen – ein Narrativ, das Moskau seit Beginn der Invasion verwendet. Die Falschmeldung, zunächst über YouTube und Twitter verbreitet, erlangte weltweite Aufmerksamkeit und erreichte sogar offizielle russische Stellen.
Die Villa Bogensee kann Ihnen gehören – geschenkt (2024)
Was nach Clickbait klingt, stimmt tatsächlich. Berlins Finanzsenator Stefan Evers (CDU) bot das Gelände im Mai 2024 jedem kostenlos an, der es der Stadt abnimmt. So interessant das Angebot klingt, angenommen hat es niemand – wer sich länger als fünf Minuten mit den logistischen und politischen Problemen beschäftigt, die das Grundstück mit sich bringt, lässt es fallen wie eine heiße Kartoffel.
Zwar betont die Stadt Berlin, keine „Gespräche“ über Vorschläge für eine historisch angemessene Nutzung blockieren zu wollen – tatsächlich erwägt sie aber ernsthaft, sowohl die Jugendhochschule als auch Goebbels’ Villa abzureißen.
Villa Bogensee | Waldhof am Bogensee
Adresse: Platz der Freundschaft 1A, 16348 Wandlitz
Koordinaten: 52.774173, 13.526243






