Die Deutschen hatten ein Talent für das bauen von Bunker, angefangen bei winzigen Ein-Mann-Bunkern bis hin zu den riesigen U-Boot-Bunkern wie man sie in Bremen und Brest findet. Angesichts der Vielzahl von verschiedenen Bunkervarianten, die die Deutschen zwischen 1933 und 1945 errichteten, wäre es eine nahezu unmögliche Aufgabe, herauszufinden wie viele Bunker eigentlich gebaut wurden (manch einer munkelt es sei eine sechsstellige Zahl ). Während eine beträchtliche Anzahl von Bunkern, insbesondere Luftschutzräumen, das Ende des zweiten Weltkrieges überlebt hat, sind viele von ihnen für uns nicht sichtbar da sie unter der erde schlummern. Es gibt jedoch einen Bunkertyp der fast unübersehbar ist – der Winkelturm.
Leo Winkel und der Winkelturm
Leo Winkler wurde am 15. September 1885 in Köln geboren. Nach Abschluss seines Architekturstudiums arbeitete Winkler als Bauingenieur für die Union Deutscher Kaiser & Bergbau, bevor er 1916 zur August Thyssen AG in Duisburg wechselte.
Anfang der 1930er Jahre begann Winkler, inspiriert von der italienischen Campanile-Architektur, mit Experimenten zum Konzept eines oberirdischen Luftschutzraums, der allein durch seine Form und Gestalt seine Schutzmöglichkeiten verbessern würde. Zu diesem Zeitpunkt waren die meisten Bunker unterirdisch gebaut worden, und diese Tatsache zusammen mit oft unvorhersehbaren Baukosten und Bauzeiten machte oberirdische Bunker zu einer interessanten Alternative.

Aber Geld und Zeitersparnisse waren nicht der einzige Vorteil eines oberirdischen Bunkers. Die Druckwellen die durch eine Bombenexplosion unter der Erde entstanden, waren für einen Überirdischen bunker weitaus geringer als für einen unterirdischen Bunker. Das bedeutete auch, dass ein oberirdischer Bunker den Druckwellen mit viel dünneren Wänden widerstehen konnte.
Leo Winkel meldete sein erstes Patent am 18. September 1934 an. Sein Design umfasste einen eigenständigen spitz-zylindrischen Luftschutzturm mit neun Etagen. Dieser etwa 20 Meter hohe Luftschutzturm sollte Schutz für 200 Menschen bieten. Sein Hauptmerkmal – seine sich verjüngende Spitze, sollte es Bomben ermöglichen, einfach abzurutschen, ohne Schaden anzurichten.
Winkels erstes Design platzierte die ersten beiden Stockwerke unterirdisch, während die übrigen 7 Stockwerke oberirdisch waren – sowie zwei Eingänge. Ein Eingang befand sich auf Bodenhöhe, während der zweite Eingang auf der gegenüberliegenden Seite auf einer höheren Ebene lag. Die Eingänge wurde absichtlich so gestaltet, um den Bunkereinstieg für Schutzsuchende zu beschleunigen.
Der Turm war aus Stahlbeton gefertigt, die Treppenhäuser im Turm sollten aus Holz sein und verliefen vertikal im inneren Kern des Turms. Das Lüftungssystem und die Luftfilter befanden sich im zweiten unterirdischen Stockwerk.
Ziegen und Stukas
Die Nazis entschieden sich, den Luftschutzturm Bauart Winkel (wie er offiziell genannt wurden) zu testen und errichteten einen in Rechlin, wo das Militär eine Teststätte für neue Militärtechnologie eingerichtet hatte. Rechlin wurde von den Nazis umfassend genutzt, um sowohl neue Munition als auch Bautechniken zu testen. Die “Weißen Häuser Rechlin” wurden hier gebaut, um neue bombensichere Baustrukturen zu testen, angeblich in dem Versuch, eine bombensichere neue Hauptstadt zu errichten.
Der Bau des Winkelturms wurde Anfang 1936 abgeschlossen, und die Wissenschaftler begannen ihre Tests. Ziegen wurden auf jeder Etage (an der inneren Außenwand befestigt) des Turms platziert, um zu testen, wie der Druck einer explodierenden Bombe die “Testsubjekte” beeinflussen würde. Warum Ziegen? Ziegen und Menschen haben erstaunlich ähnliche Hörorgane und Atmungssysteme, was sie zu äußerst effektiven und kostengünstigen Testobjekten macht.




Stukas vom nahegelegenen Flugplatz Lärz unternahmen eine Serie von Bombenangriffen auf den Winkelturm und warfen 500-kg- und 1000-kg-Bomben ab, jedoch erwiesen sich keine von den angriffen als erfolgreich. Die Wissenschaftler beschlossen dann, mehrere Bomben direkt an der Außenseite des Turms anzubringen und sie aus der Ferne zu zünden. Durch die darauffolgenden Explosionen ertaubten alle Ziegen, blieben aber ansonsten “unversehrt”. Der Winkelbunker überstand die Tests ohne größere Schäden.
Dieser Test führte zur Empfehlung, dass sich alle Insassen des Bunkers 30 cm von der inneren Wand entfernt halten sollten, um bei einem Luftangriff nicht taub zu werden. Der Winkelturm kann übrigens immer noch in Rechlin gefunden werden (er steht aber nicht mehr). Leider waren wir damals im Sommer in Rechlin und der Spitzbunker war für uns dank seiner “begrünung” unauffindbar.
Der Winkelturm geht in Serie
Leo Winkel gründete Ende 1936 sein eigenes Unternehmen “L. Winkel & Co” in Duisburg und begann, seine Winkeltürme an andere Bauunternehmen zu lizenzieren. Anfangs wurden Lizenzen an 7 Unternehmen vergeben, doch dies wurde später auf 19 erweitert.
Praktisch alle Zweige des deutschen Militärs begannen, die Winkeltürme zu nutzen, was zur Folge hatte, dass sie zu einem Staatsgeheimnis erklärt wurden und ihre Lizenzierung und Baupläne sicher gehütet wurden. Aber am Ende des Tages war der Winkelturm ein Produkt, das verkauft werden sollte, und die L. Winkel & Co. vermarkteten den Bunker aggressiv. Seine geringe Größe (im Verhältnis zu seiner Kapazität), seine erschwinglichen Bau- und Instandhaltungskosten sowie seine Anpassungsfähigkeit und seine “leicht zu finden” (für Schutzsuchende) Natur machten ihn zu einem beliebten Verkaufsartikel.




Die zweite Generation des Winkelturms war in vier Varianten erhältlich: Typ 1, Typ 2, Typ 3 und Typ 4 – mit Platz für jeweils 400, 315, 247 und 168 Personen. Der größte der Winkeltürme – der Typ 1 – war bis zu 23 Meter hoch und etwa 10 Meter breit.
Als die Nazis begannen, all ihre massiven Bau- und Aufrüstungsprojekte zu finanzieren, wurde die Rohstoffknappheit, insbesondere bei Stahl, zu einem echten Problem was dazu führte, dass Winkel gezwungen wurde, die Menge an Stahl in seinen Bunkern zu reduzieren und den Winkelturm als Ergebnis komplett neu zu gestalten. Bis 1938 standen zwei Bauarten zur Verfügung, die “originale” mit mehr Stahl (Typ 1 – 4) und die neu gestaltete Version aus Stampfbeton (Turm 1 – 5).



Genau wie das Original gab es auch von der neuen “Turm”-Version 5 variationen, die Platz für 164 bis zu 500 Personen boten und zwischen 28.000 und 58.000 Reichsmark kosteten. Da es zu diesem Zeitpunkt so viele Varianten des Winkelbunkers gab, erhielten sie jeweils ihre eigene interne Bezeichnung, von 1C und 2A, bis zu 2C und 1D.


Ein weiterer berühmter (Bunker)Architekt, Paul Zombeck, versuchte im Jahr 1938, eines seiner Patente mit dem von Winkel zu verschmelzen, doch Winkel war nicht bereit dazu und reichte eine Klage ein. Paul Zombeck verlor den Prozess, aber das hinderte ihn nicht daran, weiterhin eigene Luftschutzräume zu bauen (von denen die meisten heute in Hamburg zu finden sind).
Wünsdorfs Winkeltürme
Wir haben einen sehr langen und ausführlichen Artikel über das Wehrmacht-Hauptquartier in Wünsdorf (speziell den Bunker Zeppelin und den Bunker Maybach), daher gibts hier nur eine sehr kurze Zusammenfassung.
Die Stadt Wünsdorf, südlich von Berlin, hat eine militärische Geschichte, die bis ins Jahr 1872 zurückreicht, als Kaiser Wilhelm II. das größte Truppenübungsgelände Preußens in dieser Gegend errichtete. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde Wünsdorf zum Hauptquartier der Reichsheer. Nach dem Vertrag von Versailles gab die deutsche Armee vorübergehend den Truppenübungsplatz Zossen auf, aber andere militärische Einrichtungen in Wünsdorf wurden weiterhin genutzt.



Im Januar 1933 hatte das Heereskommando beschlossen, dass das Stammlager Zossen im Falle eines bewaffneten Konflikts oder innerer politischer Unruhen als Hauptquartier für das Oberkommando des Heeres dienen sollte, und dass entsprechende Vorbereitungen dafür getroffen werden sollten.
Am 1. November 1933 wurde das Stammlager Zossen genutzt, um das Kraftfahr-Lehrkommando zu gründen, eine geheime Maßnahme zum Aufbau der deutschen Panzertruppen. Dieses Kraftfahr-Lehrkommando wurde 1934 als Panzer-Regiment 1 neu gegründet. Im Jahr 1935 wurde die Heereskraftfahrschule nach Wünsdorf verlegt, und die 3. Panzerdivision wurde in Wünsdorf wieder eingerichtet. Noch wichtiger war, dass die Nazis beschlossen hatten, Wünsdorf zum Hauptsitz des Oberkommandos des Heeres zu machen.



Mit der raschen militärischen Expansion in Wünsdorf entschieden sich die Nazis, die kostengünstigen und zeitsparenden Spitzbunker zu nutzen und bauten insgesamt 19 davon in der Stadt. Die meisten Spitzbunker wurden zwischen den großen Kasernen errichtet, wobei einige einzelne Türme an anderen strategischen Standorten platziert wurden. Dies ist wohl die höchste dichte an Winkeltürmen in Deutschland.
Das Ende des Winkelturms
Die Nazis hatten die Deutsche Anfälligkeit für alliierte Luftangriffe unterschätzt und vernachlässigten, ausreichend Luftschutzräume für Großstädte und wichtige Industriestandorte zu bauen. Auf Initiative von Albert Speer erließ Hitler am 10. Oktober 1940 das “Führer-Sofortprogramm”, das darauf abzielte, den Bau von Zivilbunkern zu priorisieren und zu beschleunigen, sowie die Konstruktionstypen zu zu standardisieren.



Das Programm wurde in drei Phasen aufgeteilt: Die erste Phase dauerte von November 1940 bis November 1941 und führte zur Errichtung von 839 Luftschutzbunkern für mehr als 400.000 Menschen. Die zweite Phase, die von 1941 bis 1943 dauerte, sah die Schaffung von bombensicheren Schutzbunkern für weitere 500.000 Menschen vor. Die dritte Phase, die 1943 begann, aber nie abgeschlossen wurde, sollte die Schaffung von Luftschutzstollen vorsehen (die sich als die sicherste Bunkertypen des Zweiten Weltkriegs herausstellen sollten).
Deutsche Bauunternehmen waren bereits an ihre logistischen und materiellen Grenzen gekommen mit dem Bau des Westwalls und des Atlantikwalls und konnten kaum die für den Bau der Tausenden von Bunkern benötigten Materialien oder Arbeitskräfte liefern, die nun gefordert wurden.




Um eine gewisse Kontrolle über die Produktion und die Ressourcen zurückzugewinnen, versuchten die Nazis, den Bauprozess für Bunker zu standardisieren und schrieben vor, wie viel Beton verwendet werden durfte. Angeblich sollte dies auf etwa 3m³ pro Person festgelegt werden, und jeder Bunker, der diese Vorgabe überschritt, würde verboten. Der Winkelturm benötigte erheblich mehr Beton und wurde effektiv von allen zukünftigen Baumaßnahmen ausgeschlossen.
Die Winkeltürme nach 1945
Bis zum Ende des Krieges wurden über 200 Winkeltürme in ganz Europa gebaut – von Malmö, Schweden bis zu Sarajevo in Bosnien und Herzegowina. Wie von der alliierten Kontrollkommission verordnet, sollten die meisten Bunker nach 1945 abgerissen werden, obwohl dies nicht immer so erfolgreich oder einfach war, wie erhofft.
Sowohl die westlichen Alliierten als auch die Sowjets entschieden sich oft dafür, dieser Verordnung nicht immer vollständig zu folgen (und nutzen ehemalige Deutsche installationen einfach selbst). Von den 19 Winkeltürmen in Wünsdorf wurden 12 gesprengt, während die anderen 7 stehen gelassen wurden (zusammen mit den Ruinen der zerstörten) und stehen seitdem unter Denkmalschutz.




Interessanterweise wurde währen des zweiten Weltkrieges nur ein einziger Spitzbunker zerstört. Während eines Amerikanischen Luftangriffes auf das Focke-Wulf Werk in Bremen, wurde ein Winkelturm am 12. Oktober 1944 von einer Fliegerbombe direkt getroffen und zerstört. Bei der explosion kamen auch 5 menschen ums leben.



Von den etwa 200 Türmen die gebaut wurden, sind schätzungsweise “nur” w80 übriggeblieben. Einer der ehemals 19 Winkeltürme in Wünsdorf wurde in ein Museum umgewandelt und bietet einen fantastischen Einblick nicht nur in die Geschichte des Winkelturms selbst, sondern auch darüber, wie ein Luftschutzraum in den 1930er und 40er Jahren betrieben wurde. Die anderen Winkeltürme in Wünsdorf wurden versiegelt und die Innenräume sind nicht öffentlich zugänglich, können jedoch von außen besichtigt werden.
Ursprünglich war geplant, drei der Türme in Museen umzuwandeln, aber bisher scheint diese aber nur bei einem der fall zu sein . Die anderen Türme zieren jetzt die Landschaft von Wünsdorf und stehen etwas unbeholfen zwischen Häusern, Parkplätzen und Spielplätzen.
Das Winkelturm Museum ist teil des Garnisonsmuseums in Wünsdorf und hat zu den folgenden Zeiten auf:
März bis Oktober
Dienstag bis Freitag 11:00 – 14:00
Wochenende / Feiertage 10:00 – 17:00
Tickets für das Museum kosten €7, Zutritt zum WInkelturm kostet €1.50
Winkelturm Wünsdorf Adresse
Garnisonsmuseum Wünsdorf
Gutenbergstraße 9
15806 Zossen OT Wünsdorf






