Als die DDR 1961 den „Antifaschistischen Schutzwall“ – also die Berliner Mauer – errichtete, wurde die 160 Kilometer lange Grenzanlage von 302 Wachtürmen überwacht. Die DDR-Wachtürme dienten aber nicht nur der Bewachung der Mauer, sondern auch als Postentürme an Gefängnissen, Lagern und einer ganzen Reihe militärischer Einrichtungen.
Die DDR-Wachtürme (1961–1990)
So schnell, wie die Berliner Mauer hochgezogen wurde, verschwand sie auch wieder – und mit ihr die berüchtigten Türme. Die Mauer wurde so schnell und gründlich abgerissen, dass heute nur noch etwa 1 % davon als Denkmal erhalten ist – aber was wurde aus den Wachtürmen, die in Ost-Berlin wie Pilze aus dem Boden schossen?
Diese Frage haben wir zu beantworten versucht, als wir die letzten neun DDR-Wachtürme in Berlin aufgespürt haben. Alle Türme mit Geschichte, Standort und einer kurzen Beschreibung findest du hier – The Watchtowers of East Berlin. Einige der Türme verdienten unserer Meinung nach aber einen genaueren Blick und ein paar Fotos mehr – also haben wir einem davon, dem „Stasi-Turm“, einen eigenen Beitrag gewidmet.

Das Stasi-Gelände an der Neumagener Straße (1954–1990)
Der Wachturm (auch Postenturm) Neumagener Straße wurde 1970 auf dem Gelände der Hauptabteilung Personenschutz (HA PS) gebaut. Ursprünglich gehörte das Grundstück, auf dem die Stasi saß, zu den Askania-Werken – die vor allem Luftfahrt- und Navigationsinstrumente und Optik herstellten (aber auch Filmkameras, die bei den Olympischen Spielen 1936 zum Einsatz kamen).
Nach 1945 übernahmen die sowjetischen Truppen das Gelände und gaben es 1954 (nachdem sie es komplett ausgeräumt hatten) an die DDR zurück. Die DDR beschloss daraufhin, dort die Hauptabteilung Personenschutz zu stationieren.


Die Hauptabteilung Personenschutz gehörte zum Ministerium für Staatssicherheit – der berüchtigten Stasi – und war für die (körperliche) Sicherheit der Staats- und Parteiführung sowie ausländischer Staatsgäste zuständig. Die Motorradeskorte der Regierung war im Keller des Gebäudes neben dem Turm untergebracht, im anderen Gebäude saßen das Wachregiment „Feliks Dzierzynski“ (das Eliteregiment der Stasi) und die Waffenkammer.
Einer der anderen erhaltenen Wachtürme Ost-Berlins bewacht übrigens den anderen Standort des Wachregiments in Rahnsdorf. Dass das Gelände (samt Turm) direkt an der „Protokollstrecke“ lag – der Route, auf der Funktionäre und Staatsgäste durch die Stadt paradierten –, ist kein Zufall. Auch das Neon-Musikband von Prenzlauer Berg liegt an dieser Strecke.
Nach der Stasi (1990–2016)
Als die DDR in sich zusammenfiel, zog die Stasi 1990 vom Gelände ab, und die Gebäude gingen an das Finanzamt des Bezirks – ob es sie jemals genutzt hat, ist allerdings unklar. Die Gebäude stehen derzeit leer (und das offenbar schon ziemlich lange), und der Turm steht inzwischen unter Denkmalschutz. Irgendjemand fand dieses Stück Geschichte also offensichtlich erhaltenswert.


Der Stasi-Turm heute (2016)
Trotz Denkmalschutz ist er völlig verwüstet. Alles Brauchbare wurde (wie zu erwarten) abmontiert, er ist voller Müll und mit Graffiti bedeckt. Dass er heute überhaupt noch steht, liegt wahrscheinlich nur an seiner massiven Betonkonstruktion. Die Leiter im Inneren ist relativ stabil (anders als in einigen anderen Türmen, die wir besucht haben) – die Aussicht von oben ist allerdings enttäuschend.


Soweit wir herausfinden konnten, gibt es derzeit keine Pläne für das Gelände – was sich allerdings schnell ändern kann. Auf dem Nachbargrundstück saß früher der VEB Stern-Radio Berlin, einst ein ziemlich großer Name für Radios. Nachdem das Unternehmen 1990 abgewickelt wurde, stand der große Komplex jahrzehntelang leer, wird derzeit aber umfassend saniert.
Der Turm hat den Fall der Mauer und die Wiedervereinigung überlebt. Die nächsten paar Jahre übersteht er vermutlich auch ganz allein.
Unkraut vergeht nicht.

Der Stasi-Turm
Adresse: Neumagener Straße / Liebermannstraße, 13088 Berlin-Weißensee
Geokoordinaten: 52.559775, 13.471509
Turm von innen öffentlich zugänglich: Nein
Typ: BT-4 | Baujahr: 1970






