Nur wenige Kilometer vor Berlin steht, was vom Rangierbahnhof Wustermark übrig ist – einst einer der größten und modernsten Rangierbahnhöfe Deutschlands. Alliierte Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg und die anschließende Teilung Deutschlands in Ost und West setzten seinem Betrieb schwer zu, sodass er jahrelang praktisch verlassen und verfallen dalag.
Die Anfänge des Rangierbahnhofs Wustermark (1907–1920)
In der zweiten Hälfte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wuchsen Bevölkerung und Industrie in Berlin und seinen Vororten massiv. Die Eisenbahn war zum Verkehrsmittel der Wahl geworden, und so entstanden in der Gegend eine Reihe von Rangierbahnhöfen. Ein Rangierbahnhof – je nach Region auch Verschiebebahnhof oder Güterbahnhof genannt – ist im Grunde ein komplexes Gleissystem zum Abstellen, Sortieren, Be- und Entladen von Zügen.





Berlin brauchte einen leistungsfähigeren Rangierbahnhof, denn der in Spandau war zu klein und veraltet geworden. Die Stadtplaner wollten ein Grundstück außerhalb Berlins erschließen und fanden einen geeigneten Platz an der Lehrter Bahn bei Wustermark. Das Grundstück war ideal, denn es lag auch an einer neu eröffneten Strecke nach Nauen, die über Potsdam führte und wieder an die Hamburger Bahn anschloss.






Nach mehreren Gleiserweiterungen begann der Bau des Rangierbahnhofs Wustermark. Bauen in und um Berlin ist keine leichte Aufgabe, denn der Boden ist entweder sumpfig oder sandig. Nach zwei Jahren, in denen die Fundamente der Gebäude im sumpfigen Boden mit Pfählen verstärkt werden mussten, wurde der Rangierbahnhof Wustermark am 1. Mai 1909 endlich fertiggestellt und eröffnet.





Der Rangierbahnhof war einer der größten und modernsten seiner Art. Ursprünglich wurde er als zweiseitiger Bahnhof mit getrennten Anlagen für die Richtungen Ost-West und West-Ost angelegt. Neben dem Bahnhof entstanden eine Werkstatt mit Ringlokschuppen, ein Wasserturm und verschiedene Verwaltungsgebäude. Ein eigenes Kraftwerk sorgte für die Energieversorgung des Bahnhofs.





Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Werkstatt zum Bahnbetriebswerk ausgebaut (der Rangierbahnhof konnte nun also Züge reparieren und warten). 1920 ging ein zweiter Ringlokschuppen in Betrieb. Der Ort Elstal – bekannt für das Olympische Dorf von 1936 und die Löwen-Adler-Kaserne – wurde 1919 gegründet, weil so viele Menschen am Rangierbahnhof Wustermark arbeiteten.
Die Folgen der deutschen Teilung (1945–1989)
Der Rangierbahnhof Wustermark überstand den Krieg unbeschadet – bis ihn am 20. April 1945 ein großer Bombenangriff traf. Das Betriebswerk wurde nur leicht beschädigt, die Rangieranlagen dagegen schwer. Das Rangiersystem für die Richtung West-Ost war so stark zerstört, dass es nach 1945 nicht wieder aufgebaut wurde – womit sich der Rangierbahnhof praktisch halbierte. Das hatte auch zur Folge, dass der Bahnhof Wustermark fortan nur noch als „einseitiger“ Bahnhof betrieben wurde.




Die Teilung Deutschlands und Berlins traf den Bahnhof spürbar, denn er lag an einer Strecke, die vom späteren West-Berlin nach Westdeutschland führte. Wichtig blieb er trotzdem – zum einen für den Binnengüterverkehr der DDR, zum anderen für den Transitgüterverkehr nach West-Berlin. 1954 ging der Berliner Außenring in Betrieb und verschaffte dem Rangierbahnhof Wustermark eine einfachere und schnellere Verbindung in den Nordosten der DDR – vor allem zu den wirtschaftlich wichtigen Seehäfen.







Nach dem Mauerbau 1961 wurde der Personenverkehr nach West-Berlin komplett eingestellt (ein Schicksal, das er mit der Friedhofsbahn teilte), der Güterverkehr lief aber weiter. Gleichzeitig wurde der Nordteil des Rangierbahnhofs Wustermark um einen eigenen Zollbahnhof für den Güterverkehr erweitert. Ende 1989 arbeiteten rund 1.200 Menschen am Rangierbahnhof.
Eine neue Ära für den Rangierbahnhof Wustermark (1989–2008)
Nach 1989 ging das Güteraufkommen zurück, und der Verkehr am Bahnhof brach deutlich ein. Das Bahnbetriebswerk wurde 1996 herabgestuft und 2001 ganz geschlossen. Die Deutsche Bahn erwog Mitte der 1990er-Jahre zwar, den Rangierbahnhof Wustermark als zweiten Knotenbahnhof für den Güterverkehr im Raum Berlin zu nutzen und auszubauen, und modernisierte sogar einen Teil der Technik – entschied sich letztlich aber dagegen und schloss den Bahnhof.


2008 gründeten die Havelländische Eisenbahn AG und die BUG Vermietungsgesellschaft mbH die Rail & Logistik Center GmbH & Co. KG Wustermark (RLCW). Die RLCW kaufte der Deutschen Bahn den Rangierbahnhof Wustermark ab, um ihn wiederzubeleben – was ihr in sehr kurzer Zeit gelang.
Der Rangierbahnhof Wustermark heute (2019)



Stand 2017 hat der Rangierbahnhof Wustermark insgesamt 20 Millionen Euro Fördermittel von Kreis und Land erhalten, um zum Bahntechnologie-Campus umgebaut zu werden – im Grunde eine Mischung aus Zukunftslabor, Wissenschaftsstandort und Logistikzentrum. Einige Gebäude wurden inzwischen abgerissen und etliche neue entstehen, der markante Wasserturm und der Ringlokschuppen (die heute recht selten sind – einen weiteren, wenn auch in viel schlechterem Zustand, gibt es verlassen in Berlin) bleiben aber erhalten und werden entsprechend umgebaut. Sieht ganz nach einem Happy End für diesen 110 Jahre alten Bahnhof aus.
Rangierbahnhof Wustermark
Adresse: Elstal Bahnhof, 14641 Wustermark, Brandenburg
Koordinaten: 52.546340, 12.996522






