Objektdaten
Name: Hufnagelfabrik Eberswalde
Baujahr: 1871
Status: Ruine
Adresse: Kupferhammerweg 9, 16225 Eberswalde
Geokoordinaten: 52.83780322628941, 13.796089014708972
Besucht: Oktober, 2016
Revisit: März, 2024
Ein einsamer Schornstein der über den Bäumen hervorragt, ist das einzige Überbleibsel was einst der weltweit größte Produzent von Hufeisennägeln war. Die Hufnagelfabrik in Eberswalde revolutionierte Produktionsmethoden und machte ihre Eigentümer sehr reich – obwohl letztendlich wirtschaftliche Abschwünge, Krieg und geplanter Sozialismus zu ihrem Niedergang in die Bedeutungslosigkeit führten.
Hufnagelfabrik Eberswalde – 1871 bis 1926
Obwohl das Elektroauto bereits Mitte des 19. Jahrhunderts (um 1830) entwickelt wurde – und das erste benzinbetriebene Auto nicht lange danach (1886), blieb das Pferd bis zum frühen 20. Jahrhundert das primäre Transportmittel. So wie Autos Reifen brauchen, brauchten Pferde Hufeisen, und Hufeisen brauchten Hufnägel.
Bis zum späten 19. Jahrhundert war die Produktion von Hufnägeln ein mühsamer manueller Prozess – bis die Ingenieure Julius Moeller und Clemens Schreiber eine Maschine entwickelten, die den gesamten Schmiedeprozess automatisierte. Sie entwickelten die Maschine 1869 in ihrer Werkstatt in Berlin, wo sie sie weitere 2 Jahre testeten.

Am 1. Oktober 1871 eröffneten Moeller und Schreiber ihre Hufnagelfabrik in Eberswalde und nutzten die rasante Industrialisierung der Stadt sowie ihre strategische Lage mit hervorragendem Zugang zum Eisenbahnnetzwerk und Wasserwegen.
1873 baute Clemens Schreiber sich eine kleine Villa mit Blick auf die Hufnagelfabrik. Sie steht noch heute – wenn auch in einem ruinösen Zustand und ist zum Abriss ausgeschrieben. Hier findest du den ganzen Beitrag zur Villa Schreiber in Eberswalde.
Zustand der Hufnagelfabrik im Jahr 2016



Bis zum späten 19. Jahrhundert expandierte die Hufnagelfabrik Moeller und Schreibers, fügte größere Produktionsstätten sowie einen großen Kessel und einen massiven Industriekamin/Schornstein hinzu. Die Hufnagelfabrik in Eberswalde beschäftigte zu diesem Zeitpunkt fast 900 Menschen und produzierte über 300 Tonnen Nägel. Diese einzelne Fabrik versorgte im Wesentlichen den gesamten deutschen Markt, mit genügend Überschuss, um Nägel nach Russland, England und sogar nach Südamerika zu exportieren.
Zustand der Hufnagelfabrik im Jahr 2016



Eine interessante Randnotiz: Während die Mehrheit der Fabriken auf Öl- oder Gaslampen angewiesen war, entschied sich Schreiber dafür, am 7. Oktober 1883 sein eigenes Stromnetz in der Fabrik zu installieren – volle 23 Jahre, bevor die Stadt Eberswalde ihr eigenes öffentliches Stromnetz installieren würde.
Waggonaufzug Eberswalde
Obwohl die Hufnagelfabrik günstig neben dem Finowkanal in Eberswalde gelegen war, und auch einen eigenen anschluss zum Gleisnetz zu haben – hatte sie den Nachteil, am unteren Ende eines Hangs erbaut worden zu sein. Mit der gesteigerten Produktionsausgabe beauftragten Moeller und Schreiber 1906 die Firma Borsig – bekannt als das zweitgrößte Lokbauer der Welt – einen Waggonaufzug zu bauen.
Zustand des Waggonaufzugs im Jahr 2024



Der Waggonaufzug wurde 1908 neben der Fabrik installiert und konnte bis zu 30 Tonnen heben. Waggons konnten in 5 Minuten heruntergefahren werden, während der Aufstieg (6 Meter insgesamt) 15 Minuten dauerte.
Der wirtschaftliche Abschwung der Nachkriegszeit in Deutschland und Patentstreitigkeiten führten dazu, dass die Hufnagelfabrik ihre Produktion im Jahr 1926 einstellte.
Hufnagelfabrik Eberswalde – 1926 bis 1945
Nachdem die Hufnagelfabrik die Produktion eingestellt hatte, übernahm die Deutsche Reichsbahn das Grundstück und nutzte es als Lagerhaus. 1939 übernahm die Wehrmacht das Gelände, obwohl unklar ist, wofür es zu dieser Zeit genau genutzt wurde. Trotz mehrerer Rüstungsfabriken, militärischer Einrichtungen und anderer wichtiger Industrieanlagen, blieb Eberswalde vor alliierten Bombenangriffen verschont. Am 22. April 1945 erreichten die Sowjets Eberswalde, was wiederum zur Zerstörung der Hälfte der Hufnagelfabrik führte.
Hufnagelfabrik Eberswalde – 1946 bis 1991
Entgegen der üblichen sowjetischen vorgehensweise, wurden die verbliebenen Maschinen der Hufnagelfabrik nicht in die Sowjetunion zurücktransportiert, sondern stattdessen 1946 wieder in Betrieb genommen, um dringend benötigte Nägel und Draht herzustellen. Die Hufnagelfabrik, die nun unter dem Namen VEB Nagel- und Drahtziehwerk Eberswalde betrieben wurde, setzte ihre Produktion bis 1971 fort, bevor sie endgültig geschlossen wurde.
Zustand der Hufnagelfabrik im Jahr 2024




Die Fabrikhallen wurden erneut umfunktioniert, zunächst von der ostdeutschen HO (der zentralen Handelsorganisation) bis zur deutschen Wiedervereinigung, und dann kurzzeitig vom Discount-Supermarkt “Tip” nach der deutschen Wiedervereinigung.
Hufnagelfabrik Eberswalde – 1991 bis 2024
Nachdem der ursprüngliche Eigentümer des Grundstücks Anfang der 1990er Jahre ausfindig gemacht wurde, beschloss er, die Fabrik abzureißen und nur das Kesselhaus und den Schornstein stehen zu lassen (beide wurden als denkmalgeschützt eingestuft). Das Gelände der Hufnagelfabrik blieb verlassen, bis eine in Berlin ansässige Projektmanagementfirma das Grundstück im Jahr 2019 kaufte.
Zustand der Hufnagelfabrik im Jahr 2024




Die Firma plante, bis zu 260 Wohnungen auf dem Gelände zu errichten, einschließlich Studentenwohnungen und einem Altersheim. Die Villa Schreiber wurde als totalverlust abgeschrieben und sollte zusammen mit dem Kesselhaus abgerissen werden – der Schornstein sollte jedoch erhalten bleiben.
Hufnagelfabrik Eberswalde Heute (2024)
Wir hatten das, was von der Hufnagelfabrik übrig war, erstmals 2016 besucht – und damals war kaum noch etwas übrig. Das Kesselhaus war halb eingestürzt, aber der Schornstein sah noch relativ gut aus. Durch Zufall kamen wir im März 2024 erneut vorbei, und es hatte sich nicht viel geändert. Das Grundstück war von der Straße aus neu eingezäunt, aber das schien die Obdachlosen kaum davon abzuhalten, die Ruinen als provisorisches Obdach zu nutzen.
Das Kesselhaus sieht etwas schlechter aus als früher und ist mit Müll übersät, während der umliegende Wald mit gestohlenen Fahrrädern und Einkaufswagen gefüllt ist. Was das Entwicklungsprojekt angeht – es ist recht offensichtlich dass noch nichts gebaut wurde, da der Investor offenbar noch einige Probleme mit der Stadt zu klären hat, obwohl er hofft, die Bauarbeiten 2025 beginnen zu können. Das Kesselhaus soll abgerissen werden, um angeblich Platz für ein Café zu machen.
Hufnagelfabrik Eberswalde Adresse
Kupferhammerweg 9, 16225 Eberswalde
52.83780322628941, 13.796089014708972






