Da immer mehr verlassene Orte in Berlin zu Wohnungen und Büros umgebaut (oder gleich abgerissen) werden, findet man in Berlin immer seltener „unberührte“ und vergessene Orte. Zum Glück wollen Start-ups und Hipster (noch) nicht in Brandenburg wohnen, und so ist das Umland noch immer übersät mit verlassenen Fabriken, Bunkern und Militärstandorten aus der Zeit der Nazis und der Sowjets. Eines dieser Gebäude war das Heeresbekleidungsamt Bernau, ein ehemaliges Uniformdepot der Wehrmacht – und einer der größten erhaltenen zusammenhängenden Bauten des Dritten Reichs.
Das Heeresbekleidungsamt in Berlin (1848–1930er)
Deutschland ist durchtränkt von Militärgeschichte und -traditionen (schon mal gefragt, woher die Klischees über Pünktlichkeit und Ordnung kommen?). Jedes Militär braucht Uniformen, und da das deutsche Militär im frühen 19. Jahrhundert außergewöhnlich groß war, brauchte es sehr viele davon. Kaum vorstellbar, aber Berlin war früher voller großer Militärkomplexe (die weit vor die 1930er-Jahre zurückreichen). Ab 1848 befand sich auf einem Gebiet, das vom heutigen Hauptbahnhof bis zur Perleberger Straße reichte, der größte Militärkomplex Berlins. Dazu gehörten Garnisonen, mehrere Fabriken, ein Exerzierplatz und Offizierskasinos (ein erhaltenes Kasino ist heute die Botschaft Usbekistans). Im Komplex befand sich auch das Heeresbekleidungsamt, die zentrale Fertigungsstätte und das Depot für Militäruniformen.


Das Heeresbekleidungsamt in Bernau (1930er–1945)

Als die Nazis an die Macht kamen, hatten sie große Pläne. Die Wehrmacht brauchte jede Menge neue Uniformen, und das Heeresbekleidungsamt in der Lehrter Straße war für diesen Zweck zu klein. Also beschlossen die Nazis, in Bernau, gleich nördlich von Berlin, einen passenderen Komplex zu bauen.
Auf einem 65.000 m² großen Grundstück errichteten die Nazis eigentlich zwei getrennte Komplexe – das Heeresbekleidungsamt Bernau Hauptamt und das Heeresbekleidungsamt Bernau Nebenamt. Der Einfachheit halber geht es in diesem Artikel um das Nebenamt, denn das Hauptamt wurde von den Sowjets zur Panzerkaserne Bernau umgebaut und verdient einen eigenen Artikel.
Die Architekten bauten acht miteinander verbundene, bogenförmige Gebäude. Jedes der zweistöckigen Klinkergebäude wurde in Stahlbeton ausgeführt – damals eine recht neue Entwicklung, die die Deutschen ziemlich gut beherrschten. Vergleicht man Luftbilder, zeigt das Nebenamt eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit einem anderen NS-Großbau – dem inzwischen stillgelegten Flughafen Tempelhof. Größe und Ausmaß des Heeresbekleidungsamts in Bernau brachten ihm bald den Spitznamen „Kleiderschrank des Führers“ ein.


Als der Bau des Heeresbekleidungsamts Bernau 1942 abgeschlossen war, wurden 1.300 Beschäftigte vom alten Bekleidungsamt in Berlin nach Bernau versetzt. Wie der Name schon sagt, produzierten die Arbeiter Militäruniformen und Ausrüstung für die NS-Kriegsmaschinerie. Trotz des riesigen Komplexes konnten die Deutschen die Gebäude nur drei Jahre nutzen, denn am 20. April 1945 rollten die Sowjets in Bernau ein.
Die Sowjets ziehen ein (1945–1994)
Die Sowjets beschlagnahmten das Heeresbekleidungsamt Bernau und nutzten es bis 1947 als Lager für ihre Kriegsbeute, die für den Abtransport in die Sowjetunion vorbereitet wurde. Besonders nützlich war, dass das Nebenamt einen direkten Gleisanschluss hatte.
Da man einen guten Militärbau nie ungenutzt lässt, verwendeten die Russen das Heeresbekleidungsamt anschließend als Logistik- und Versorgungsdepot – und für denselben Zweck wie die Nazis: zur Lagerung und Reparatur von Uniformen. Neben einer chemischen Reinigung beherbergte es eine Transporteinheit, die Kommandantur des Zentralen Versorgungsdepots und eine Feldpostverteilstelle.
Die Sowjets beschlagnahmten auch das Heeresbekleidungsamt Hauptamt ein Stück die Straße hinunter und bauten es zur Panzerkaserne Bernau um – diese Geschichte erzählt man aber besser separat: Panzerkaserne Bernau






Leider nahmen es die Sowjets – wie so oft – mit Sicherheitsvorkehrungen und Umweltstandards nicht allzu genau. Die chemische Reinigung verwendete großzügig Trichlorethylen – damals ein gängiges Industrielösungsmittel – und kippte tonnenweise davon in den Boden, wodurch Erdreich und Grundwasser bis heute vergiftet sind.
Die Sowjets sagen Lebewohl (1994–2013)
Nach dem Ende der alliierten Besatzung Deutschlands zogen die nunmehr russischen Streitkräfte 1994 aus dem Heeresbekleidungsamt Bernau ab. Das Gelände wurde zum „Sperrgebiet“ erklärt und die Gebäude sich selbst überlassen. Zwar gehört das Areal der „Brandenburgischen Boden Gesellschaft für Grundstücksverwaltung“, doch viel geschah damit nicht. Über mehrere Jahre setzte sich der Verein „Panke-Park Kulturkonvent Bernau e. V.“ für den Erhalt der historischen Gebäude ein. 2003 gelang es der Gruppe – mithilfe der EU und der Bundesregierung –, eine halbjährliche Aufräumaktion auf dem Gelände zu etablieren. Ein kleiner Schritt, aber immerhin einer in die richtige Richtung.
Das Heeresbekleidungsamt heute (2013)






Das Heeresbekleidungsamt in Bernau als riesig zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung. Auf Satellitenbildern drängt sich der Vergleich mit dem alten Flughafen Tempelhof förmlich auf. Doch wie so oft bei solchen Gebäuden gilt: Je größer sie sind, desto weniger gibt es zu sehen. Endlose, spiegelgleiche Flure – die sich nur durch die Farbe der Wände unterscheiden.
Wie in so vielen anderen verlassenen russischen Militärstandorten (etwa dem ehemaligen Adolf-Hitler-Lager in Forst Zinna) haben Soldaten ihre Namen in die Wände geritzt und Abschiedsbotschaften hinterlassen. In einigen Räumen liegen kleine Karten herum – zunächst hielten wir sie für Wäschezettel, bei genauerem Hinsehen entpuppten sie sich aber als eine Art Strahlendosiskarten.






Andere Räume sehen aus, als hätten sie als Kindergarten und Jugendzentrum gedient: Spielzeug und diverse Sportgeräte liegen auf dem Boden verstreut, andere Räume sind voller Hefte und Zeichnungen. Vermutlich Überbleibsel anderer kurzzeitiger Nutzer des Gebäudes. Wer sich auf den Dachboden wagt, stolpert über die „Russendisko“ – die örtliche Diskothek.
Welche Musik hier wohl lief, kann man sich nur ausmalen. Als Faustregel gilt: Das Interessanteste findet man fast immer oben. Die Russen hatten generell ein Faible dafür, Basketballplätze und Turnhallen ins Obergeschoss zu legen – sie müssen großes Vertrauen in deutsche Architekten und Bauleute gehabt haben. Davon abgesehen besteht der Rest des Komplexes aus leeren Fluren und Lagerräumen.
Abgesehen von den üblichen schrägen sowjetischen Wandbildern (die hier wirklich einen 80er-Touch haben) und einigen russischen und deutschen Beschriftungen ist das Heeresbekleidungsamt schlicht ein sehr großes Lagerhaus.










Das Heeresbekleidungsamt heute (2020)
Nach Jahren des Dornröschenschlafs haben Projektentwickler offenbar eine Verwendung für das Heeresbekleidungsamt gefunden. Bernau verzeichnet dank seiner Nähe zu Berlin (und dank Berlins ständig steigender Immobilienpreise) einen immer größeren Zuzug.
Seit Ende 2016 wird das Heeresbekleidungsamt Bernau neu entwickelt und zu schicken neuen Wohnungen umgebaut. Das Projekt heißt „Pankebogen“ und wird nach Fertigstellung nach dem ehemaligen Flughafen Tempelhof das zweitgrößte bewohnte Gebäude Deutschlands sein. Einer der Projektbeteiligten zog Größenvergleiche mit dem NS-Seebad Prora auf Rügen. Ob ich solche Assoziationen mit meinem neuen Zuhause haben wollte, weiß ich nicht.
Stand 2020 scheint das Projekt fast abgeschlossen. Wer die Entwicklung des Heeresbekleidungsamts Bernau über die Jahre verfolgen möchte, schaut auf die Website der Entwickler – dort wurde der gesamte Prozess von Anfang an sehr schön dokumentiert.
Weitere Fotos des Heeresbekleidungsamts Bernau gibt es im Flickr-Album Heeresbekleidungsamt in Bernau.
Heeresbekleidungsamt Bernau Nebenamt
Adresse: Schönfelder Weg 17, 16321 Bernau
Koordinaten: 52.681357, 13.605318






