Selbst 97 Jahre nach seinem Tod taucht Lenin noch an den ungewöhnlichsten Orten auf. Bedenkt man aber, dass zeitweise 1,5 Millionen Sowjetbürger in Deutschland stationiert waren, ist es eigentlich nicht so ungewöhnlich, dem einen oder anderen Lenin über den Weg zu laufen. Wer durch Fürstenberg/Havel kommt, stößt nicht nur auf drei Lenin-Darstellungen, sondern auch auf den vermutlich größten Lenin-Kopf, der in Deutschland noch unter freiem Himmel liegt.
Fürstenberg, die Nationalsozialisten und die Sowjets (1938–1993)
Wie in vielen Städten in ganz Deutschland waren die Nationalsozialisten auch in Fürstenberg in den 1930er-Jahren stark vertreten. 1938 errichteten sie mithilfe von Zwangsarbeit das KZ Ravensbrück, in dem überwiegend Frauen inhaftiert waren, die vor allem in den nahen Industriebetrieben arbeiten mussten.
Da die NS-Bürokratie über die Jahre immer komplexer geworden war, entstand im Dorf Drögen kurz vor Fürstenberg die Sicherheitspolizeischule Drögen – eine von sieben Sicherheitspolizeischulen im Deutschen Reich. Der ehemaligen Sicherheitspolizeischule Drögen haben wir einen eigenen Artikel gewidmet, deshalb gehen wir hier nicht weiter darauf ein. Wehrmacht und Luftwaffe hatten in und um Fürstenberg beträchtliche Kontingente stationiert, darunter Einheiten der Lettischen Legion.

Die vorrückende Rote Armee erreichte Fürstenberg im Mai 1945, befreite das KZ Ravensbrück und übernahm die ehemaligen Militäranlagen der Nationalsozialisten. 1946 war Fürstenberg Hauptquartier der 2. Garde-Panzerarmee (der ersten Einheit der Roten Armee, die Berlin erreichte) und gewann für die sowjetischen Besatzungstruppen nach und nach strategische Bedeutung. Große Teile der Stadt und ihrer Umgebung wurden militärisches Sperrgebiet – für die deutschen Anwohner unzugänglich. Als die Sowjets, inzwischen Russen, 1993 abzogen, gaben sie 23 Militärliegenschaften mit über 2.000 Hektar zurück.
Üblich war, dass sowjetische Militärstandorte zu kleinen russischen Exklaven wurden, komplett mit Supermärkten, Kinos, Schulen, Kindergärten und Sportanlagen – sehr ungewöhnlich war es dagegen, dass die Sowjets ihre Infrastruktur direkt im Herzen einer deutschen Stadt bauten. Doch Fürstenberg war anders.
Fürstenberger Schule № 13 und Schule № 27 (1945–1993)
Als die Sowjets in Fürstenberg einmarschierten, übernahmen sie relativ schnell das Gebiet um den Röblinsee mit seinen luxuriösen Villen. Bewohner und Eigentümer wurden kurzerhand vertrieben und die Häuser unter anderem zu Offizierswohnungen umfunktioniert. Ende der 1950er-Jahre hatte Fürstenberg knapp über 6.000 Einwohner – denen über 30.000 in und um die Stadt stationierte sowjetische Soldaten gegenüberstanden.
Fürstenberger Schule № 13
Die sowjetische Militärverwaltung in Fürstenberg richtete die Schule Nr. 13 (Школа №13 ГСВГ Фюрстенберг) auf einer Anhöhe ein, umgeben von Wald und mit Blick über den malerischen Röblinsee. Einige Details scheinen mit der Zeit verloren gegangen zu sein – wir konnten nicht genau ermitteln, wann die Schule Nr. 13 gegründet wurde, was das Schulgebäude ursprünglich war oder ob es von der Roten Armee gebaut wurde. Selbst ein Austausch mit einem Mitarbeiter der Stadt Fürstenberg und dem örtlichen Bauamt brachte nichts, da die entsprechenden Unterlagen „nicht mehr vorhanden“ seien.
Dafür konnten wir Kontakt zu einem ehemaligen Schüler* aufnehmen, der heute in Moskau lebt und uns einige Einblicke gab. Ihm zufolge wurde das größere Gebäude für die älteren Klassen in den 1950er-Jahren von den Sowjets gebaut, während die übrigen Gebäude aus den 1920er- und 1930er-Jahren stammten.
Die Schule Nr. 13 war ursprünglich ein Internat. Auch Schüler der Klassen 9 und 10 aus anderen Militärstandorten wie Vogelsang, Groß Dölln, Prenzlau und dem nahen Drögen wurden hierher gebracht, um ihre Schulzeit abzuschließen. Das lag vor allem daran, dass nicht jeder Standort genug Kinder aller Altersstufen für sämtliche Schulstufen hatte – einfacher war es, sie zum nächsten sowjetischen Standort mit der passenden Schulstufe zu schicken.
Fürstenberger Schule № 27
1971 wurde die Schule Nr. 33 in Vogelsang erweitert, sodass die Schulkinder aus Groß Dölln, Prenzlau und den anderen Standorten nicht mehr den weiten Weg nach Fürstenberg auf sich nehmen mussten. Im selben Jahr wurde die Fürstenberger Schule Nr. 13 umgebaut und das Internat zur Mittelschule. Mit der Mittelschule hatte die sowjetische Schule in Fürstenberg nun ein Gebäude für die Grundstufe und eines für die Oberstufe – und wurde prompt in Schule Nr. 27 (Школа №27 ГСВГ Фюрстенберг) umbenannt.
Statt den Komplex der Schule Nr. 27 lang zu beschreiben, schaut euch lieber dieses „Heimvideo“ aus dem Jahr 1992 an – eine großartige Zeitkapsel eines Parallellebens in Deutschland. Erwähnenswert ist, dass die Schule von kleinen Villen umgeben war, von denen einige noch heute stehen. Von außen wirken sie zwar ein wenig wie russische Datschen, tatsächlich stammen aber auch sie aus den 1920er- und 1930er-Jahren und dienten den russischen Lehrern der Schule als Unterkunft.
Der Lenin der Fürstenberger Schule Nr. 27 (1992–2021)
Wer im Video genau hingeschaut hat, entdeckt bei Minute 1:24 im Hintergrund einen riesigen Lenin-Kopf! Wenn wir eines immer gern aufspüren, dann Statuen und Wandbilder – oder in diesem Fall einen Kopf – von Lenin.
Gerüchten zufolge waren die Gebäude zwar verfallen, der Kopf und eine weitere Lenin-Statue (das ist ein anderer Beitrag) aber noch da. Also fuhren wir schon 2014 nach Fürstenberg, um uns selbst ein Bild zu machen. Seitdem waren wir mehrmals in Fürstenberg – zuletzt 2021, um uns ein sowjetisches Militärwandbild in Drögen mit einem weiteren großen Lenin anzusehen –, und so schauten wir auch bei der riesigen Lenin-Büste vorbei, um ihren aktuellen Zustand zu fotografieren.

Nachdem die (inzwischen) russischen Truppen Deutschland 1993/94 verlassen hatten, gingen die ehemaligen sowjetischen Militärliegenschaften an den Bund. Fürstenberg stand vor der Herausforderung, eines der größten Pakete ehemals sowjetischer Militärimmobilien in Deutschland zu übernehmen. Manche ehemaligen Bewohner nutzten die Gelegenheit, ihre zu Unrecht enteigneten Häuser zurückzufordern (viele waren bei Kriegsende nicht einmal „formell“ enteignet worden), viele Gebäude standen aber einfach leer, da die Stadt weder Zeit noch Willen hatte, sich um sie zu kümmern.


Über die Jahre verfielen die Schulgebäude. Manche wurden entkernt und abgerissen (das Hauptschulgebäude etwa um 2014), manche renoviert, und manche blieben einfach, wie sie waren – vernagelt und verlassen. Das ehemalige Internat dagegen wurde verkleinert und zu ziemlich schicken Wohnungen umgebaut.

Wann genau, ist unklar, doch Lenins gigantischer weißer Kopf ereilte dasselbe Schicksal wie viele seiner Ebenbilder in Osteuropa: Er wurde von seinem 1,8 Meter hohen Sockel gestürzt (dem Lenin in Eberswalde erging es anders – dort blieb der Sockel stehen, und Lenin wanderte). Der Sockel ist über die Jahre verschwunden, Lenins Kopf aber blieb (wenn auch ein paar Meter links von seinem ursprünglichen Platz) – vielleicht war es zu aufwendig, ihn ganz zu entfernen, oder er ist einfach makaber genug als Gartendekoration.


Die einst weiße Farbe ist größtenteils abgewaschen, nur an der Krawatte sind noch Spuren übrig – und der arme alte Knabe hat ein Trotzki-großes Loch im Hinterkopf, durch das man ins hohle Innere sieht. Wie bei der Sphinx und römischen Statuen vor ihm ist auch Lenins Nase verschwunden – vermutlich, weil sie der zerbrechlichste Teil der Büste war.
Fürstenbergs Lenin-Büste heute (2021)
Lenins Kopf ist mit dem Loch und der fehlenden Nase zwar in schlechtem Zustand, aber das schon seit einigen Jahren – also weitgehend unverändert. Manche Blogs machen seinen Standort zum Geheimnis, irgendwo im Unterholz versteckt, tatsächlich liegt er aber nur ein paar Meter von seinem einstigen Platz entfernt – im heutigen Garten der Bewohner der umgebauten Schule. Genauer gesagt sitzt er in einem kleinen Wäldchen gegenüber einem kleinen Gebäude, das früher die Kantine der Grundschule war. Einige der Bäume um Lenin herum wurden sogar von den Schülern der Schule gepflanzt.


Die Kinder aus der Nachbarschaft haben den Genossen offenbar adoptiert und schlagen seitdem kapitalistischen Profit aus ihm – sie kassieren von neugierigen Besuchern und Fotografen „Spenden“ für seine Popularität. Ein guter Rat: Lenins Kopf in Fürstenberg lässt sich zwar problemlos besuchen (es führt sogar ein kleiner Pfad direkt zu ihm), man steht aber praktisch in jemandes Garten – oder direkt daneben. Niemand möchte, dass Fremde auf dem eigenen Grundstück herumtrampeln, also lieber leise und respektvoll auftreten.

So findet man Fürstenbergs Lenin
Die Lenin-Büste ist relativ leicht zu finden. In Fürstenberg geht es die Peetscher Höhe hinauf bis zu dem großen, herrenhausartigen Gebäude. Wer links am kleineren der beiden Gebäude vorbeigeht (wer am Betonschutt vorbeikommt, ist zu weit), findet neben dem Gebäude einen kleinen Pfad, der direkt zur Lenin-Büste führt. Wer sie trotzdem nicht findet, kann einfach herumfragen – jeder in der Gegend kennt den Lenin im Gebüsch. Wer weiß, vielleicht trifft man sogar ehemalige Schüler, die regelmäßig nach Fürstenberg kommen, um ihre alte Schule zu besuchen.
* Спасибо за помощь Руслан!


Die Lenin-Büste von Fürstenberg
Adresse: Peetscher Höhe, 16798 Fürstenberg/Havel
Koordinaten: 53.179589, 13.130177






