Gut zu wissen
Name: Eisfabrik (Norddeutsche Eiswerke)
Baujahr: 1896
Status: Teilweise abgerissen, übrige Gebäude denkmalgeschützt (Stand 2012)
Adresse: Köpenicker Straße 40/41, 10179 Berlin
Geokoordinaten: 52.509638, 13.426557
Besucht: 2012

Wer an der Spree entlangläuft, findet immer weniger bröckelnde Fabriken und Hallen. Sie alle sollen dem Projekt Mediaspree weichen, Luxushotels und Büros im Namen der Stadterneuerung. Eine dieser verrottenden Fabriken ist dem Schicksal aber vorerst entgangen: die Eisfabrik.
Da es in Privathaushalten keine elektrischen oder gasbetriebenen Kühlschränke gab (die waren damals noch gar nicht erfunden), verließen sich die Leute auf riesige Eisfabriken, um ihre Waren kühl zu halten.
Carl Bolle und die Norddeutschen Eiswerke (1872–1914)
Die Norddeutsche Eiswerke AG wurde 1872 von Carl Bolle gegründet. 1893 hatte Bolle mehrere Grundstücke in der Stadt gekauft, darunter eines an der Köpenicker Straße direkt an der Spree. 1896 begann dort der Bau einer brandneuen Eisfabrik. Sie wurde noch im selben Jahr fertig und produzierte Eisstangen und -blöcke für Brauereien, Kneipen, Lebensmittelhändler und Haushalte. 1910 kamen ein Bürogebäude und zwei Wohnhäuser dazu. 1914 wurde eine neue Eismaschine installiert, die die Produktionskapazität deutlich steigerte.
Der Luisenstädtische Kanal und der Indische Brunnen
Für alle Berliner hier ein nettes Stück Stadtgeschichte zum Angeben: Die Bezirke Mitte und Kreuzberg hießen nicht immer so, waren auch keine getrennten Bezirke (und gehörten nicht einmal zu Berlin – sondern zu Cölln). Gemeinsam hießen sie Luisenstadt. Durch die Luisenstadt floss ein Kanal, der Luisenstädtische Kanal. 1926 wurde er trockengelegt, und der städtische Gartendirektor wollte dort einen indischen Garten anlegen – mit Palmen und allem Drum und Dran, angelehnt an das Taj Mahal. Das warme Wasser aus der Eisfabrik sollte einen riesigen indischen Teich speisen.
Dann überlegten es sich die Stadtoberen anders und wollten ein Thermalbad bauen, doch angeblich protestierten die örtlichen Katholiken dagegen, also war auch diese Idee vom Tisch. Wer hätte gedacht, dass deutsche Katholiken einen heidnischen Garten einem reinigenden Bad vorziehen.
Nach der ursprünglichen Idee baute die Stadt dann den schönen Garten samt Indischem Brunnen. Den Teich aber nicht. Wer also das nächste Mal durch Kreuzberg läuft, weiß jetzt, warum in einem ausgetrockneten Kanal ein wunderschöner Rosengarten mit indischem Brunnen liegt.

Krieg und die Eisfabrik in der DDR (1945–1991)
Jetzt kommen wir an den unvermeidlichen Punkt der deutschen Geschichte, an dem alles den Bach runtergeht. Eine Bombe zerstörte den rechten Flügel des Wohnhauses, der abgerissen werden musste. Die Rote Armee übernahm die Fabrik und stellte sie bis 1948 unter Zwangsverwaltung, dann ging sie an eine „Konsumgenossenschaft“. Im Lauf der Jahre wechselten die Namen der Eigentümer, und die Nachfrage nach Eis sank – trotzdem produzierte die Eisfabrik erstaunlicherweise noch bis Oktober 1991 Eis. Wie bei den meisten DDR-Betrieben merkte man nach dem Mauerfall schnell, dass hier mit erheblichem Verlust gearbeitet wurde, und musste schließen.
Abriss und Verfall (1991–2012)
1995 sollte die Fabrik abgerissen werden – daraus wurde aber nie wirklich etwas.
Es gab dubiose Deals, und das Grundstück ging an eine andere Treuhandgesellschaft – die nichts tat. Sie saß einfach auf dem Land und wartete darauf, dass es an Wert gewinnt.
Die Eisfabrik wurde zur beliebten Partylocation, bis unter dem Dach eines der Gebäude ein Feuer ausbrach und allen den Spaß verdarb (kommt einem bekannt vor?). Teile des Geländes wurden verkauft, darunter Maschinenhaus, Kesselhaus und die Eismaschinen.
Obwohl das Gelände inzwischen unter Denkmalschutz stand – und gegen den Willen des Bundes Deutscher Architekten, der Bundesstiftung Baukultur und Politikern aller Parteien – beschloss die Treuhandgesellschaft, die Hochkühlhäuser abzureißen, die damals die ältesten ihrer Art in Europa waren. Es hatte sogar einen Investor gegeben, der die Gebäude erhalten wollte, aber die Treuhandgesellschaft zog lieber ihre eigenen Pläne durch.
Das Schicksal der Eisfabrik (bzw. dessen, was von ihr übrig ist) hängt nach wie vor in der Schwebe. Die Treuhandgesellschaft, die sich geweigert hatte, die denkmalgeschützten Gebäude instand zu halten, wurde von der Stadt rechtlich dazu gezwungen. Sie will auf dem Grundstück nach wie vor bauen, kann das aber nicht richtig, solange die restlichen Gebäude dort stehen.
Die Eisfabrik heute (2012)
Das Gelände wird nicht mehr bewacht und ist für jeden frei zugänglich. Ich habe den Verdacht, dass die Treuhandgesellschaft bei allem, was hier illegal passiert, ein Auge zudrückt – in der Hoffnung, dass irgendjemand „versehentlich“ noch mal Feuer legt und das Ganze abbrennt. Dann müsste sie kein Geld mehr für die Sanierung hinlegen.





















Der Ort war voller Leute: Teenagerinnen, Filmstudenten, eine Werbeagentur drehte einen Spot, auf einer Etage probte sogar eine Tanzcrew. Von verlassen kann hier keine Rede sein.
Zu sehen gibt es leider nicht viel. Klar, da ist die riesige Eis- bzw. Kühlmaschine, ein paar coole Graffiti und ein Kran auf dem Dach, aber das war’s auch schon. Die Eisfabrik ist voller Müll, und lieber Gott, es stinkt nach Pisse und Scheiße. Wer dachte, das Treppenhaus im Tacheles riecht schlimm – das ist nichts dagegen. Die Eisfabrik lässt der Fantasie nicht einmal die Chance, sich auszumalen, woher der Gestank kommen könnte. Normalerweise bin ich eher damit beschäftigt, Spritzen auszuweichen oder Glas – oder nicht durch einen morschen Boden zu krachen –, hier war ich vor allem damit beschäftigt, menschlichen Exkrementen auszuweichen. Es gibt eine Treppe in den Keller, aber dort wird der Geruch nur noch schlimmer. Den Teil habe ich ausgelassen.
Jetzt zum Positiven: Das wohl Lohnendste an einem Besuch der Eisfabrik ist der Blick vom Dach. Vom Dach aus kommt man noch in eine weitere Etage, die ist aber von Punks besetzt (das würde den erwähnten Geruch erklären), die es nicht so gern sehen, wenn Fremde durch ihr besetztes Wohnzimmer spazieren. Solange man sie nicht stört, stören sie einen auch nicht.
Das größere der beiden Gebäude ist zugemauert. Wer unbedingt rein will: Es gibt einen Weg – empfehlen würde ich ihn aber nicht (kleiner Tipp: Es ist nicht der aufgebrochene Eingang auf der linken Seite, die Treppe ist auf halber Höhe zugemauert). Da die meisten Fenster zugemauert sind, ist es drinnen stockfinster, und Gott weiß, wer oder was da lauert. Vernünftige Fotos bekommt man drinnen ohnehin nicht hin, also gar nicht erst versuchen. Lohnt sich nicht.

Weitere Bilder der Eisfabrik gibt es im Flickr-Album Eisfabrik.
Eisfabrik
Adresse: Köpenicker Straße 40/41, 10179 Berlin
Geokoordinaten: 52.509638, 13.426557






