Gut zu wissen
Name: Bahnbetriebswerk Pankow-Heinersdorf
Baujahr: 1893
Status: Seit Mitte der 1990er verlassen (Stand 2012)
Adresse: Prenzlauer Promenade, 13189 Berlin
Geokoordinaten: 52.577847, 13.430263
Besucht: 2012
Langsam scheine ich zum Trainspotter zu werden – oder zu etwas Ähnlichem. Die Züge selbst interessieren mich zwar nicht besonders, wohl aber die Bauten, in denen sie früher untergebracht waren. Beim Stöbern in ein paar Foren stieß ich auf das Foto eines interessanten Gebäudes, das mir vage bekannt vorkam. Nach ein bisschen Recherche stellte sich heraus, dass es sich um das Bahnbetriebswerk Pankow-Heinersdorf handelte – und dass ich schon etliche Male mit der S-Bahn daran vorbeigefahren war. Da der Sommer sich langsam dem Ende zuneigte, nutzte ich die Gelegenheit und sah mir die Sache an.

Lokschuppen, Rundhäuser und Ringschuppen
Bevor es mit einer kurzen historischen Textwand losgeht: „Bahnbetriebswerk Pankow-Heinersdorf“ bezeichnet das gesamte Gelände, die beiden größeren Gebäude, in denen die Loks gewartet wurden, sind Rundhäuser. Im Deutschen gibt es (natürlich) vier verschiedene Begriffe, um solche Gebäude genauer zu beschreiben:
- Lokschuppen: der Oberbegriff für ein Gebäude, in dem Lokomotiven gewartet werden
- Rechteckschuppen: ein kastenförmiges Gebäude
- Rundhaus: ein kreisrundes Gebäude mit zentraler Drehscheibe
- Ringschuppen: ein halbkreisförmiges Gebäude mit großer zentraler Drehscheibe
Gut, vier verschiedene Namen für etwas unglaublich Langweiliges, na und? Der Grund, warum ich das so genau unterscheide: Das Bahnbetriebswerk Pankow-Heinersdorf hat die zweifelhafte Ehre, das letzte in Deutschland gebaute Rundhaus zu besitzen – und eines von nur zwei erhaltenen Rundhäusern in Deutschland überhaupt. Außerdem stehen hier sowohl ein Rundhaus als auch ein Ringschuppen.






Mit der Industrialisierung, die im 19. Jahrhundert rasant an Fahrt aufnahm, entstand in ganz Deutschland ein riesiges Eisenbahnnetz. Dampflokomotiven beherrschten das Land – mit einem interessanten Makel: Die frühen Loks waren nur für eine Fahrtrichtung gebaut, rückwärts ging nicht. Wie löst man so ein Problem? Statt eine Lok zu konstruieren, die vorwärts und rückwärts fahren kann, erschien es offenbar einfacher, eine riesige Drehscheibe zu bauen, auf der man die Lok einfach in die richtige Richtung dreht.
Die Stettiner Bahn und das Rundhaus (1843–1924)









Über das Betriebswerk findet man erstaunlich wenig, ein paar Informationen habe ich aber zusammenbekommen. Mit dem Bau der Bahnstrecke Berlin–Stettin 1843 wurde Pankow-Heinersdorf an eine der wichtigsten Berliner Eisenbahnlinien angeschlossen. Damit wuchs der Bedarf, Züge zu reparieren und zu warten, und so wurde ein 250.000 m² großes Grundstück für ein Betriebswerk reserviert. 1893 entstand hier das letzte Rundhaus Deutschlands – weil moderne Züge immer länger wurden und in solchen Gebäuden schlicht kein Platz mehr für sie war. Der Nachteil eines Rundhauses gegenüber dem halbkreisförmigen Ringschuppen oder dem kastenförmigen Lokschuppen: Man konnte nicht einfach anbauen. Man war auf die ursprüngliche Größe festgelegt.






Trotzdem war das Rundhaus eine beliebte Bauform, weil die Drehscheibe im Inneren bei jedem Wetter funktionierte. Der Bahnhof Pankow-Heinersdorf wurde am 1. Oktober 1893 eröffnet und am 8. August 1924 offiziell an die Berliner S-Bahn angeschlossen.
Stilllegung und Verfall (1990er–2012)
Das Betriebswerk mitsamt Hauptgebäude und Rundhäusern wurde Mitte der 1990er-Jahre stillgelegt. Die meisten Gleise sind abgebaut, die Hauptgebäude innen ausgeschlachtet (entweder von der Bahn oder von Vandalen). Angeblich hat 2009 ein Immobilieninvestor das gesamte Gelände gekauft, der hier ein riesiges Einkaufszentrum, ein Möbelhaus und einen Parkplatz bauen will.












Ein bisschen seltsam finde ich es schon, dass die Deutsche Bahn (vermutlich der Vorbesitzer) ein so historisches Gebäude einfach verkommen lässt – zumal es in Deutschland nur noch zwei Bauten dieser Art gibt (in Polen und Russland, sprich Kaliningrad, stehen noch einige deutsche Rundhäuser). Ein ähnliches Gebäude, eine Art halbes Rundhaus, findet man noch am Rangierbahnhof Wustermark. Der einst verlassene Rangierbahnhof stand jahrelang leer, wird aber gerade saniert.
Das Bahnbetriebswerk Pankow-Heinersdorf heute (2012)

Das Bahnbetriebswerk Pankow-Heinersdorf ist ein riesiges Gelände mit rund einem Dutzend Gebäuden. Beide Rundbauten sind in ziemlich schlechtem Zustand, die Böden sind morsch, und Teile der Wände bröckeln. Offenbar hat auch jemand an mehreren Stellen Feuer gelegt. Es liegt jede Menge Spitzes und Scharfes herum (jemand hatte sich an einem der Fenster die Hand aufgeschnitten und eine Blutspur hinterlassen), Handschuhe sind also eine gute Idee. Die meisten Gebäude sind leer und bieten nicht viel, aber vom Hauptgebäude aus hat man einen schönen Blick über das Gelände. Den Versuch, in den großen Schornstein zu kommen, kann man sich sparen – ich habe mich hochgestemmt und reingeschaut. Lohnt die Mühe nicht.
Da das Gelände (ob gewollt oder nicht) frei zugänglich ist, zieht es offenbar so manches „romantische“ Pärchen an. Beim Durchqueren des Gestrüpps bin ich in mindestens zwei Pärchen hineingeplatzt, die gerade zur Sache kamen – und habe in einem der Rundhäuser ein ziemlich erotisches Fotoshooting gestört. Für Leute, die auf so etwas stehen, wohl ein netter Bonus.
Mehr Bilder vom Rundhaus und dem restlichen Gelände gibt es im Flickr-Album Bahnbetriebswerk Pankow Heinersdorf.
Bahnbetriebswerk Pankow-Heinersdorf
Adresse: Prenzlauer Promenade, 13189 Berlin
Geokoordinaten: 52.577847, 13.430263
Anfahrt: S-Bahnhof Pankow-Heinersdorf (S2/S8)






