Oft kommen wir zufällig an scheinbar unauffälligen Bauten vorbei, ohne ihnen einen zweiten Blick zu schenken. Doch solche Bauten entstehen nicht aus dem Nichts, und meist – gerade wenn man durch Wünsdorf und Zossen fährt – steckt eine interessante Geschichte dahinter. Was in Wünsdorf wie ein schlecht gepflegter Trainingsplatz aussah und vor Ort „Alter Sportplatz“ genannt wird, gehörte tatsächlich einmal zur Heeressportschule Wünsdorf, deren Anfänge bis 1916 zurückreichen. Und es gibt sogar eine Verbindung zu den Olympischen Spielen.
Heeressportschule Wünsdorf (1914–1924)
Die Heeressportschule in Wünsdorf geht auf die Jahre 1914–1916 zurück, als das Militär beschloss, das Hauptquartier des Heeres nach Wünsdorf zu verlegen. In den ersten Jahren des Ersten Weltkriegs entstand die „Militärturnanstalt“. Eine militärische Turnschule mag seltsam klingen, ihre Ursprünge reichen aber bis 1842 zurück, als die preußische Monarchie per Erlass das Turnen als unverzichtbaren Bestandteil der gesamten zivilen und militärischen Erziehung anerkannte. 1847 begann die erste Militärturnanstalt mit der Ausbildung von Offizieren.

Trotz des Rückbaus einiger Militäranlagen in und um Zossen nutzte die Reichswehr einen Großteil der Militärgebäude in Wünsdorf weiter. 1924 wurde die Militärturnanstalt zur Heeressportschule – im Grunde eine moderne Sportakademie des Heeres. Genaue Daten haben wir zwar nicht, sicher ist aber, dass dort, wo heute der „Alte Sportplatz“ bzw. das Olympiastadion Wünsdorf liegt, schon vor 1920 ein Paradeplatz existierte: Fotos des Bundesarchivs dokumentieren eine Parade des Freikorps „Lützow“ – einer der vielen protofaschistischen paramilitärischen Organisationen, die nach dem Ersten Weltkrieg entstanden – am 8. März 1920.

Olympiastadion Wünsdorf (1924–1945)
Mit der Umwandlung in die Heeressportschule wurde der Paradeplatz in Wünsdorf nach 1924 vermutlich zum Trainingsgelände. In diesen Jahren gewann die Heeressportschule an Bedeutung, zumal die Olympischen Spiele 1928 in Amsterdam vor der Tür standen und das Deutsche Reich erstmals seit Ausbruch des Ersten Weltkriegs wieder teilnehmen sollte.




Als Berlin 1931 den Zuschlag für die XI. Olympischen Spiele 1936 erhielt, rückte die Heeressportschule in Wünsdorf erneut in den Vordergrund und wurde offizielles Trainingsgelände der deutschen Olympiamannschaft – wobei das Deutsche Reich rund um Berlin und Brandenburg mehrere offizielle Trainingsstätten hatte, etwa die Kaserne Krampnitz und das Freibad Lichtenberg.




Woher kommt also der Name „Olympiastadion“? Quellen und Informationen sind eher dünn – weil aber die Olympiamannschaft in diesem „Stadion“ trainierte, nennt die Stadt Zossen es Olympiastadion. In historischen Dokumenten habe ich den Namen zwar nirgends gefunden, die Stadt verwendet den Begriff aber offiziell in neueren Dokumenten (mehr dazu unten).
GSSD-Sportplatz (1945–1994)
Nach dem Zweiten Weltkrieg wählte die Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (später Westgruppe der Truppen) Wünsdorf zu ihrem Hauptquartier – und machte es zur größten sowjetischen Garnison außerhalb der Sowjetunion. Die ehemalige Heeressportschule und ihre Anlagen wurden von den sowjetischen Truppen intensiv genutzt, darunter auch der heutige „Alte Sportplatz“. Über die Jahre gab es einige Umbauten: Eine neue Tribüne mit erhöhter Plattform für „VIPs“ kam hinzu, dazu eine Anzeigetafel und ein symbolischer Eingangsbogen.





Laut einigen ehemaligen „Bewohnern“ stand der hölzerne Pavillon – entweder das Original, das auf einem der Fotos von 1920 zu sehen ist, oder eine umgebaute Version davon – auf dem Steinfundament am anderen Ende des Feldes.
Der Sportplatz diente auch der sowjetischen Schule Nr. 1 als Übungsgelände, und das Militär nutzte ihn sowohl für Übungen als auch für Paraden. Einige Fotos der Paraden gibt es hier, hier und hier.
Der Alte Sportplatz Wünsdorf heute (2022)
Nachdem am 8. September 1994 der letzte sowjetische Militärzug Wünsdorf verlassen hatte (und dabei einiges an Gerät zurückließ), gingen alle ehemaligen Militärgebäude an den Bund und das Land Brandenburg. Während der Großteil der Gebäude leer steht (einige wurden über die Jahre zu Wohnungen und einer Flüchtlingsunterkunft umgebaut), wurde der Alte Sportplatz in den letzten Jahren offenbar noch genutzt. Der Pavillon auf dem turmartigen Steinfundament wurde irgendwann abgerissen, und von den Tribünen samt Anzeigetafel ist weitgehend nur das Betonfundament übrig – Spielfeld und Laufbahn wurden aber mehr oder weniger gepflegt.
Auch der Eingangsbogen steht noch, was auch immer einst daran hing, ist aber längst verschwunden. Wer den kleinen Hügel hinaufsteigt, findet halb überdachte Betonbänke, von denen man einst wohl einen tollen Blick über das Feld hatte. Heute nutzen den Alten Sportplatz in Wünsdorf gelegentlich Jogger oder Hundebesitzer – mehr Sport findet hier nicht mehr statt.




Die Stadt Zossen arbeitet an der Entwicklung von Teilen des ehemaligen Militärgeländes, darunter auch das Areal um den GSSD-Sportplatz in Wünsdorf. Ein Bebauungsplanentwurf von 2019 mit dem Titel „Wohnen am Olympiastadion“ sieht neue Häuser rund um das „Stadion“ und das Waldstück vor, dazu den Wiederaufbau der Tribünen und den Bau einer „Sanitäranlage“. Die Stadt Zossen verwendet die Bezeichnung „Olympiastadion“ für den alten Trainingsplatz ganz aktiv – ob das nur geschicktes Marketing ist oder ein tatsächlich historisch verwendeter Name, lässt sich schwer sagen. So oder so ist offiziell belegt, dass die deutsche Olympiamannschaft das „Stadion“ zum Training nutzte.



Der Plan erwähnt ausdrücklich, dass auf dem Stadiongelände selbst keine Häuser gebaut werden sollen. Das Vorhaben ist offenbar noch aktiv: Neuere Unterlagen erwähnen „Wohnen am Olympiastadion“ weiterhin, und an einigen Kasernengebäuden wird seit zwei Jahren gebaut (allerdings mit scheinbar sehr wenig Fortschritt). Das Stadion selbst ist im März 2022 noch unberührt.
GSSD-Sportplatz | Alter Sportplatz Wünsdorf
Adresse: Zehrensdorfer Straße, 15806 Zossen (Wünsdorf)
Koordinaten: 52.192321, 13.466768






