
Berlin genießt man am besten von oben. Nicht dass es innerhalb der Stadt außer dem Fernsehturm und dem Weltballon allzu viele Gelegenheiten dazu gäbe. Wer sich aber an den Stadtrand wagt und lange genug über versteckte Waldwege stolpert, steht irgendwann vor einer bröckelnden Ruine und einem industriell anmutenden Turm: dem Müggelturm.
Der Spindlerturm (1880–1945)
Obwohl er mitten im Nirgendwo steht, ist der Müggelturm tief in der Berliner Geschichte verwurzelt.
Carl Spindler, Inhaber der „Köpenicker Wäscherei und Färberei W. Spindler“ (heute als verlassener VEB Rewatex bekannt) und Namensgeber des Berliner Ortsteils Spindlersfeld, ließ 1880 auf dem Kleinen Müggelberg einen 10 Meter hohen hölzernen Aussichtsturm errichten. Der sogenannte Spindlerturm lockte allerdings kaum Besucher an, denn mit seinen 10 Metern bot er keine nennenswerte Aussicht. Spindler erkannte seinen Fehler, legte 1889 40.000 Mark auf den Tisch und ließ den Turm im Stil einer chinesischen Pagode neu aufbauen und erweitern. Der renovierte Turm wurde am 6. April 1890 wiedereröffnet und war nun 27 Meter hoch. Mit dem zusätzlichen Restaurant wurde er bald zum beliebten Ausflugsziel, denn er bot einen atemberaubenden Rundblick von bis zu 50 km über Wälder und Seen – an klaren Tagen sah man sogar die Silhouette Berlins. Der Spindlerturm war so beliebt, dass er im ersten Jahr nach der Wiedereröffnung über 52.000 Besucher anzog.

1924 kaufte der Architekt Walter Wichelhaus den Turm und baute die Anlage über die Jahre aus. Er errichtete mehrere neue Gebäude, darunter ein neues Restaurant, eine Küche und eine Wohnung für sich selbst.
Als die Rote Armee 1945 auf Berlin vorrückte, wurde der Turm zum militärischen Objekt erklärt und diente als Funkturm sowie als Artilleriebeobachtungsposten. Wie der benachbarte Bismarckturm auf dem Großen Müggelberg sollte auch der Müggelturm vor dem Eintreffen der sowjetischen Truppen gesprengt werden. Turmbesitzer Walter Wichelhaus war damit nicht so recht einverstanden – er durchtrennte die Zündleitungen der Sprengladungen und verhinderte so, dass die Wehrmacht den Turm in die Luft jagte.
Feuer und ein neuer Turm (1945–1961)
Nach dem Krieg wurde wieder ein Ausflugsrestaurant eingerichtet, und 1953 übernahm die HO Köpenick die Bewirtschaftung des Müggelturm-Geländes. Der Müggelturm verfiel und wurde 1957 geschlossen. Der Ost-Berliner Magistrat beschloss, dass der Turm ein neues Fundament brauchte, und entschied sich, die Konstruktion mit einem neuen Stahlfachwerk zu verstärken. Zusammen mit dieser Sanierung sollte auch das Restaurant erweitert werden. Am Nachmittag des 19. Mai 1958 brannte der Turm bis auf die Grundmauern nieder – ausgelöst wurde der Brand höchstwahrscheinlich durch Schweißarbeiten bei der Sanierung.



Im selben Jahr schrieb die Berliner Zeitung einen Architekturwettbewerb für einen Neubau aus, zu dem insgesamt 32 Entwürfe eingingen. Im August 1958 wurden die Entwürfe im Rathaus Köpenick und anschließend im BZ-Pavillon am Bahnhof Friedrichstraße öffentlich ausgestellt. Gewonnen hat der Entwurf eines Studentenkollektivs der Kunsthochschule Berlin-Weißensee unter Leitung von Jörg Streitparth, Siegfried Wagner und Klaus Weißhaupt. Ursprünglich war ein ovaler Grundriss vorgesehen, aus wirtschaftlichen Gründen wurde daraus aber die heutige rechteckige Form.
Am 31. Dezember 1961 wurde der Turm offiziell eröffnet. Der Neubau war nun 29,61 Meter hoch, hatte neun Stockwerke (jedes mit Panoramafenstern) und eine Aussichtsplattform, die man über 126 Stufen erreichte. Zum Gelände gehörten ein Restaurant, eine Weinbar und Sonnenterrassen – zu seinen besten Zeiten zog der Müggelturm jedes Jahr über 240.000 Besucher an.



Man mag den Turm für ein 30 Meter hohes architektonisches Ungetüm halten – tatsächlich ist der Müggelturm aber ein sehr frühes Beispiel moderner Architektur in der DDR (bewusst als scharfer Kontrast zu seinem Vorgänger entworfen), die damals noch von der stalinistischen Architektur dominiert wurde.
Nach der Wiedervereinigung (1990–2013)
Nach der Wiedervereinigung fiel der Turm an die Treuhandgesellschaft, die ihn an die Bcb GmbH verkaufte. Obwohl dringend sanierungsbedürftig, wollte keiner der Investoren die vorgeschlagenen Pläne finanzieren, da unklar war, wem Grundstück und Turm eigentlich gehörten. 1996 finanzierte die EU immerhin eine Teilsanierung des Turms für 1 Million Mark (500.000 Euro), die übrigen Gebäude blieben aber unberührt.




Über die Jahre gab es mehrere Pläne, doch keiner wurde umgesetzt. Investoren kamen und gingen, entkernten das Restaurantgebäude und ließen den Turm verfallen. 2012 kaufte ein neuer Investor – Matthias Große – das Gelände, doch was er mit dem Turm vorhat, ist noch offen.
Der Müggelturm heute (2013)
Es gibt mehrere Wege zum Müggelturm, wir haben schließlich das Auto genommen (der einfachste Weg). Nach einer langen, zähen Fahrt durch den Wald erreichten wir den Fuß des Turms. Auf den ersten Blick ein eher ernüchterndes, wenn nicht deprimierendes Bild: ein ziemlich trist aussehender Turm (mit kaputtem Fenster) und ein paar Betonruinen. Abgerundet wurde das Ganze von einem Anhänger-Café neben dem Parkplatz. Wir schlenderten hinüber und wurden von András Milak begrüßt – einem ungarischen Monteur, der in den 80ern im Kabelwerk Oberspree gearbeitet hatte – und seiner Frau. András betreibt sein kleines Café am Fuß des Müggelturms seit 2006 und lässt Besucher für 1,50 € auf den Turm steigen.



Trotz – oder vielleicht gerade wegen – seiner Anwesenheit sind Vandalen über 60 Mal in das Café eingebrochen und haben es sogar mehrmals niedergebrannt. Nach ein paar freundlichen (ungarischen) Worten stiegen wir die 126 Stufen hinauf, ohne recht zu wissen, was uns erwartet. Oben angekommen, bot sich uns ein spektakulärer Blick über die Müggelberge, den Langen See und den Müggelsee – in der Ferne war sogar der Fernsehturm zu sehen.
Obwohl heruntergekommen und nur noch eine Betonhülle seiner selbst, lockt der Müggelturm jedes Wochenende bis zu 300 Besucher an. Zumindest hat man uns das so erzählt. Auch wenn der Ort auf den ersten Blick alles andere als einladend wirkt, machen die wunderschöne Aussicht von oben und das etwas surreale Erlebnis ihn zu einem lohnenden Tagesausflug.
Weitere Fotos dieses halb verlassenen Turms gibt es im Flickr-Album The Müggelturm.
Der Müggelturm
Adresse: Straße zum Müggelturm 1, 12557 Berlin
Koordinaten: 52.417294, 13.625079
Anfahrt mit Öffis: Mit der S3 nach Köpenick, dort in den Bus X69 Richtung Müggelheim steigen und an der Haltestelle Rübezahl aussteigen. Die Straße entlanggehen bis zum Tor mit der Aufschrift „Teufelssee“. Rechts den Weg am Spielplatz vorbei nehmen, bis links der Teufelssee auftaucht (nach ca. 300 Metern), dann geradeaus weiter bis zu einer sehr langen Treppe. Die hinaufsteigen, die Straße überqueren – und schon ist man am Müggelturm.






